da sassen wir also ganz gemütlich im Vorraum des OP, wie üblich ein beschäftigter Donnerstag abend (die Donnerstag Abende sind die europäischen Freitagnächte), und vor dem OP ist eine lange gekachelte Bank, wo man sich gemütlich hinkrümeln kann, ausserdem ist dort Licht (Pierre, die Glühbirne im OP-Büro ist schon wieder kaputt!). Auch die Teefrau kommt bis dahin und hatte gerade eine Kanne frischen Tee und Samosas gebracht, damit das chirurgische Team nicht die gute Laune verliert.
Dann krachte draussen eine Explosion und noch eine, und Abdirahim hob den Kopf und fragte besorgt "are you scared?". Ich war ehrlich gesagt noch in den letzten OP-Bericht vertieft (oh ja, man muss einen OP-Bericht schreiben, und zwar per Hand, nix copy paste vom letzten Mal), und es knallt ja ab und zu, wenn auch vielleicht nicht so heftig. Und dann kam der Satz, der eigentlich nur in ganz alten Filmen oder ganz schlechten SAT 1-Fensehproduktionen auftaucht: "before you die, I die". Ziemlich absurd! Aber hier, in dieser von archaischen Clanstrukturen geprägten Welt, wo die meisten Auseinandersetzungen tatsächlich mit der Waffe in der Hand ausgetragen werden, ist das plötzlich ernsthaft. und gleichzeitig der grösste Beweis von Freundschaft, im Bewusstsein, dass es tatsächlich dazu kommen kann, anders als in Europa, wo ein Satz wie "dafür würde ich mein Leben geben" halt im Konjunktiv bleibt.
ich schreibe Euch das nicht, um Euch zu beunruhigen. Eher, um Euch zu erzählen, dass ich mich sehr gut beschützt fühle hier, dass ich gut aufgehoben bin in einem Netz, das ich zwar selber nicht so ganz verstehe, das mich aber offenbar akzeptiert und schätzt. Meine Antwort war übrigens "but I don't want you to die", und die ebenso absurde Replik "we all have to die one day, and then I prefer dying for a friend". uff. soviel Heroismus zwischen Tee und Kacheln!
wir haben danach übrigens nichts mehr zu tun bekommen, auch wenn wir noch eine weitere kleine Operation gemacht haben und danach noch ein bisschen im Krankenhausgarten herumgesessen sind und auf potentielle Patienten gewartet haben. Die beiden Handgranaten haben getroffen, und danach war das eher eine Sache für den Imam als für die Aerzte. Das mit dem Sterben ist also kein leeres Wort.
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3 Kommentare:
Auch wir haben hier Meldungen, die beunruhigend sind, wir hoffen Dich weiterhin gut beschützt, liebe Christine, und dass Du Deine Fähigkeiten gut einsetzen kannst und in verantwortungsvoller Umgebung die Menschen mit versorgen kannst; sei fest umarmt von Deinen Eltern
Liebe Eltis,
die beunruhigenden Meldungen ... tja, hier ist die Luft so gesättigt mit Gerüchten wie mit Staub, und in Abwesenheit von richtiger Presse und einer zuverlässigen Informationspolitik fliegen die Gerüchte noch schneller als der Wind. Schüsse draussen - warte 5 Minuten, und dann fangen die Handys an zu klingeln (jeder hier hat ein Handy, meins wird mitleidig als Dinosaurier belächelt).
die meisten "Meldungen" lösen sich dann schnell wieder in Rauch auf, auch wenn unsere Sicherheitsleute jedesmal ziemlich nervös reagieren - je weiter weg, desdo nervöser.
keine Sorge, ich fühle mich wirklich super beschützt, aussderdem bin ich in Belet Weyne bekannt wie ein bunter Hund (oder halt wie eine weisse Chirurgin), und Abdirahim kann's langsam nicht mehr hören, die Fragen freitags in der Moschee.
ah, Handy... Erzaehl mal über Kommunikationsmöglichkeiten dort? Was kann das Handy? Nur in der Stadt oder in ganz Somalia telefonieren? Eingehende Anrufe aus dem Ausland? Was kostet das so (in lokaler Kaufkraft)? Ich schick Dir mal ne SMS ;)
-L
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