Montag, 30. Juli 2007

Unruhe

damit Ihr es nicht aus der Zeitung erfahrt: im Moment steigt die Spannung wieder hier in Belet Weyne. Ein Wasseranlieferer für die ethiopischen Truppen (es ist IMMER etwas mit den ethiopischen Truppen!) wurde angegriffen, heute folgten Revanche und Gegenrevanche, und um die Lage "zu beruhigen", haben die ethipoischen Truppen gegen Abend mit Granatwerfern geschossen.

Keine Sorge, wir waren rechtzeitig zu Hause, und das Haus hat dicke Mauern aus italienischen Zeiten (und habt diesmal Vertrauen zum italienischen Handwerk!). und wir sind nicht das Ziel, allerdings zielen die Ethiopier nicht 100% genau, und falls sie Al-Baraka, unseren geliebten Telefonprovider-Drahtverhau treffen, dann war's das erst mal mit dem Internet. Macht Euch also keine Sorgen, wenn Ihr in den nächsten Tagen vielleicht nichts von mir hört!

falls es wirklich chaotisch wird, steht in Nairobi ein Flugzeug für uns parat - aber für den Moment hoffe ich, dass es in Nairobi bleiben kann und sich die Dinge in den nächsten Tagen wieder beruhigen. Ich war heute jedenfalls mächtig stolz auf meine Jungs, die sich tapfer geschlagen haben zwischen Thoraxdrainagen ("ich? ich soll das machen? aber nicht alleine, Du musst bei mir bleiben!" ich habe meinen OP-Pfleger dann daran erinnert, dass Männer nicht nur essen wie ein Löwe, sondern auch Thoraxdrainagen legen können wie ein Löwe, und die Sinnlosigkeit dieser Argumentation ist ihm in der Hitze des Gefechts Gott-sei-Dank nicht aufgegangen) und Schussverletzung und "aber ich habe für heute einen Termin wegen des Leistenbruchs". jedenfalls haben sie etwas gelernt von mir, und falls wir doch Richtung Nairobi verschwinden müssen, können sie sich jedenfalls besser um ihre Bevölkerung kümmern als vorher.

also macht Euch keine Sorgen, wir bleiben für's erste im Haus und warten ab.

Umzug

heute war der grosse Tag der Logistik-Crew: die chirurgische Männerstation ist in den frisch getrichenen und geputzten Flügel umgezogen. Wer laufen konnte, ist selber durch den Gaten hinübergetrabt. Wer selber sein Bett tragen wollte, wurde umgehend vom chirurgischen Team, das sich das Ganze teetrinkend und schmunzelnd angesehen hat, nach Hause entlassen, trotz unvermeidlicher und umgehender Prosteste "nein, ich bin doch noch soooo krank!". und wer nicht laufen konnte, wurde zusammen mit seinem Bett durch den Garten transportiert. Das war ein Bohei! besonders unsere beiden Patienten, die jeweils ein Gewicht am Bein hängen haben, um ihre Brüche wieder einzurichten, und die uns normalerweise im Stundenrhythmus bestürmen, dass jetzt alles verheilt sei und sie bitteschön aufstehen dürfen, haben sich plötzlich sehr gesorgt um ihre verhassten Gewichte. und es war ein Bild für die Götter, wie sie in ihren Betten, mit dem Moskitonetz wie ein Himmelbett über sich, quer durch den Garten geschwebt sind!

der Umzug der Wachstation, mit zwei Patienten unter Sauerstoff, war dann eher etwas für die Aerzte, aber mit vereinten Kräften, in einem somalisch-italienisch-englischen Kauderwelsch (und landessprachlichen Flüchen), haben wir das auch geschafft.

sie ist wunderschön, unsere neue Station: gelbe Wände, lichtdurchflutet, höhere Decke (= mehr Luft), und mehr Platz. kleiner Nebeneffekt: die Schwestern mussten ihre Schränke aus- und wieder einräumen, und siehe da, einiges von den "we don't have"-Objekten kam friedlich ans Tageslicht gekullert. sag ich doch, in einem guten Haushalt geht nichts verloren!

Sonntag, 29. Juli 2007

Tütensuppe

damit Ihr nicht denkt, ich würde nur Kamel essen hier:

gestern gab es somalisches Frühstück im OP (somalisches Frühstück ist gegen 10 Uhr, das ist insofern praktisch, dass alle Patienten am MOrgen automatisch nüchtern sind - wenn wir vergessen haben, jemanden auf's OP-Programm zu nehmen, dann ist das kein Problem auf der Morgenvisite ... nicht alles ist komplizierter hier!). Einer der OP-Pfleger brachte zwei Plastiktüten - eine mit Brot und die andere, eben mit der Tütensuppe! man öffnet die Plastiktüte, passt auf, dass das Ganze nicht über den Tisch fliesst, tunkt das Brot hinein, schnappt sich damit ein Stück Fleich und ein bisschen Zwiebel oder Paprika und steckt das dann in den Mund. ein ziemliches Geschlabber, aber lecker, sage ich Euch! jetzt wissen wir, woher der Ausdruck mit der Tütensuppe wirklich kommt, allerdings ist das hier der ungetrocknete Zustand.

meine Jungs waren hingerissen von der Tatsache, dass ich esse wie eine somalische Frau. ihrer Beobachtung nach essen Männer eher wie Löwen (klar, was sonst ...), indem sie das ganze Brot nehmen, einen riesigen Haufen damit formen und sich in den Mund stopfen, und nach 10 Minuten haben sie fertig gegessen. Frauen dagegen essen eher wie die Vögelein: kleiner Bissen, kleine Pause, kleiner Schwatz, kleiner Bissen - und dass für ewig. Komisch, den Vergleich mit einem Vögelchen habe ich doch schon mal gehört! und meine Jungs hat es den restlichen Tag lag amüsiert beschäftigt, dass eine Frau zwar Beine amputieren und einen Bauch aufschneiden kann, aber halt doch isst wie eine Frau.

Freitag, 27. Juli 2007

peace conference

gestern abend hatten wir unsere eigene kleine Friedenskonferenz auf der Dachterasse ... typischer Provinzstadtkomplex: was die in Mogadishu können mit ihrer chaotischen reconciliation conference, können wir sowieso! allerdings hat niemand mit Granaten nach uns geworfen ...

es war letztendlich ein gutes Gespräch, ohne grosse Schuldzuweisung oder Herumgeschmolle. und es hat mir sehr gefallen, dass Abdirahim, der sonst eher schüchtern ist, wenn es um's Reden in grösserer Runde geht, auf einmal sehr klar und deutlich seine Meinung sagen konnte (ok, und es hat mir auch gefallen, dass er objektiv, aber deutlich auf meiner Seite war). Ich glaube, jetzt haben wir zumindest eine Basis für ein gemeinsames Weiterarbeiten. Trotzdem bin ich noch leicht skeptisch: eine Friedenspfeife und ein Handschlag sind eine Sache, aber dann muss sie sich auch im Alltag bewähren. und ich fürchte, ich werde Ogaro am Ende seiner Zeit hier in 2 Wochen trotzdem keine Träne nachweinen.

Mittwoch, 25. Juli 2007

Krach

und auch das musste kommen: jetzt haben wir den ersten handfesten Streit in unserem Team. ich war ja von Anfang an nicht so glücklich mit unserem neuen Anästhesisten, weder auf professioneller noch auf persönlicher Ebene (enauso wenig wie er, glaube ich ...), aber in den letzten Tagen ist er - auf der professionellen Ebene, wohlgemerkt - wirklich zu weit gegangen. und am Ende der Dinge habe ich (als Arzt) die Verantwortung, Ogaro ist ein Anästhesiepfleger, und dieser Punkt wurde nochmal deutlich gemacht, als unserer operationeller Chef hier war. bisher habe ich wirklich versucht, mich nicht in Details einzumischen, selbst wenn mir das Management nicht gefallen hat, aber dann hat er die rote Linie überschritten, Patientin und den Rest des Team in Gefahr gebracht, war noch nicht mal in Ansätzen diskussionsbereit und gefällt sich jetzt in der Rolle der beleidigten Leberwurst.

wir haben so viel darüber diskutiert, dass ich keine Lust habe, die Details hier auszubreiten. aber es ist nicht einfach: wenn man sich zu Hause zofft, muss man demjenigen erstens nicht beim Abendessen zusehen und kann zweitens darauf vertrauen, dass am nächsten Tag vielleicht ein anderer Anästhesist Dienst hat. hier gibt es nur uns. und natürlich ist es ein grosser Trost, dass sowohl expat- als auch lokales Team voll hinter mir stehen ... aber einer Lösung bringt uns das deshalb auch nicht näher. mal sehen - morgen setzen wir uns nochmal in aller Ruhe zusammen, aber ich werde wohl nicht darumherumkommen, Ogaro von einigen Aufgaben formal zu entbinden, die er bisher sowieso nicht gemacht hat. und mich dann selber zusammen mit Abdirahim darum kümmern ... dann wissen wir wenigstens, was gemacht ist und was nicht, und wenn's nicht klappt, dann sind wir selber schuld.

einmal mehr: Verantwortung bedeutet auch Entscheidungen, auch harte Entscheidungen, treffen, und es gibt zwar immer eine Alternative (Papa!), aber welche die richtige ist, weiss man gemeinerweise nie genau im Voraus. soll ich Ogaro ins nächste Flugzeug stopfen und die Anästhesie alleine schmeissen? oder auf Kooperation und Diskussion bauen, in der Hoffnung, dass er seinen rechthaberischen Panzer ein wenig öffnet? was kostet mich weniger Energie, die mir dann an anderen Ecken fehlt? und was ist das beste für das ganze Team? und für MSF? wünscht mir Glück!

oh, aber kein Tag ohne etwas Schönes: mein OP-Team ist heute in der Mittagspause auf den Markt gezogen und hat mir nach langem Beratschlagen 3 T-Shirts gekauft, als kleines Dankeschön zwischendrin. ich muss sagen, die Jungs haben sowohl Farbe als auch Grösse ziemlich gut getroffen! ich bin ziemlich gerührt ...

Dienstag, 24. Juli 2007

Technik

die neue Technik hält Einzug in Belet Weyne ... jetzt bin ich gerade vor dem Computer in unserem "Mediziner"-Büro mit Annelise, und wir werden gleich einen blog für sie installieren. Kann sich Pierre mal wundern, dass wir ihn nicht für jeden Quatsch rufen (hoffentlich jedenfalls ... das mit den Photos klappt immer noch nicht).

Samstag, 21. Juli 2007

Finger

heute morgen war ein echter Operationstag: das Anästhesieteam fit, die OP-Pfleger wach, die Stationen schnell damit, die richtigen Patienten zur richtigen Zeit zu bringen. Also haben wir uns gedacht, machen wir die Unterschenkelamputation doch noch vor dem Mittagessen, und ziehen uns danach dann in Ruh zurück.

Abdirahim, einmal mehr Gentleman, hat den Part mit der Säge und dem Knochen übernommen, wohlgemerkt eine Handsäge, und beim letzten Mal war ich nach der Hälfte tropfend nass ... . und dann passierte es, er ist abgerutscht und hat sich quer in den Finger gesägt. Mein Gott, habe ich mich erschreckt! im ersten Moment sah ich schon den Zeigefinger fliegen ... na ja, so schlimm war es dann doch nicht, aber weiteroperieren ging trotdem nicht für ihn. Ich war dann doch ganz zufrieden mit mir, dass ich es auch alleine konnte, und der OP-Pfleger reichlich stolz auf sich, dass er plötzlich in einem grossen Eingriff als Assistent dastand.

Teil zwei der Geschichte: die Wundversorgung des Fingers. Ganz Chirurg, zuerst mal grosser Widerstand. Unfug, den Verband mache ich nicht wieder ab, ich habe die Wunde schliesslich selbst gesehen, ist nur ein Kratzer, und überhaupt hast sowieso Du aufgeschrieen und nicht ich, als die Säge abgerutscht ist (stimmt.). Am Nachmittag dann die etwas kleinlautere Variante, ob ich doch mal gucken kann ... aber nur mit den Aeuglein schaun, natürlich. Das hat mich doch daran erinnert, wie ich versucht habe, meine Impfungen herunterzuhandeln, beim Anblick der ca. 1'000 Spritzen. und grosses Protestgeheul, als ich Nähset und Faden herbeigeschleppt habe. kurzes Aufflackern von Heldentum, "ich brauche keine örtliche Betäubung". Natürlich nicht, mein Lieber, aber jetzt hälst Du einfach trotzdem still! und geendet sind wir mit einem tapferen Helden, gehalten und gehätschelt von allen verfügbaren OP-Pflegern und Sakata (der allerdings etwas auf Somali gebrummt hat, das sich wie "stell Dich nicht so an" klang), und einer tapferen Chirurgin, die mal wieder verstanden hat, warum man Freunde und Familie einfach nicht anfassen sollte. Himmel, es ist halt doch ein komisches Gefühl, wenn man den Zeigefinger eines Chirurgenkollegen vor sich hat und nicht den Zeigefinger von Herrn XY. auch wenn es nur eine simple Schnittwunde ist.

Klinik unter Palmen

ha, das gefällt mir, Fraukes Beschreibung! genau das haben wir hier nämlich, eine Klinik unter Palmen. Die soap operas vergessen halt ein bisschen, dass diese Palmen auch Palmfrüchte haben, und gestern ist eine solche einem motzenden Patienten-Angehörigen direkt auf den Kopf geplumpst. ich meine, geht es noch bildlicher?

Ihr tut mir wirklich ein bisschen leid in Eurem verregneten Europa-Sommer! hier ist es nämlich weiterhin extrem angenehm: immer ein bisschen Wind, strahlende Sonne morgens, nachmittags bewölkt es sich ein bisschen, abends fegt der stärkere Wind vom Meer her (das immerhin 300 km weg ist) den Sternenhimmel wieder klar. freundliche 30-35°C am Tag, angenehme 25°C mit einer leichten Brise nachts.

das gefällt auch unseren regelmässigen Besuchern: letzte Woche war unser operationeller Chef aus Genf hier, der ziemlich gestresst und schlafmangelnd direkt aus der Budgetrevision ankam, und wir haben ihm einen echten Ferientag gegönnt, zwischen Hängematte und Mangosaft und Kamel zum Abendessen ... und er war ziemlich erstaunt, dass er sich nach einer Woche "Somalia" tatsächlich erholt und frisch gefühlt hat. Vielleicht bekomme ich ja auf diese Weise doch noch dieses nette kleine tragbare, aber sündteure Ultraschallgerät genemigt (bzw. Abdirahim und der nächste Chirurg hier ...).

und diese Woche begrüssen wir den Cheflogistiker für Somalia, Sudan und Ethiopien hier unter unseren Palmen. Gestern sind wir zusammen mit Pierre den neuen, Inshallah bald renovierten OP angeschritten, und es war extrem spannend: plötzlich finde ich mich mitten in der Konzeptplanung für Dinge wie "Trennung von sauberem und schmutzigem Material", "OP-Tisch längs oder quer", "Ausrichtung von Türen zur Vermeidung von Durchzug, der Staub mit sich transportiert" und "wieviel Platz und Lüftung braucht der Sterilisationsautoklav" wieder. Spannend, da ich mich noch nie mit der Planung eines Operationstrakts beschäftigt habe, spannend, weil ich plötzlich realisiert habe, dass dieses hartgesottene MSF-Urgestein tatsächlich auf einige praktische Details des Chirurgenteams angewiesen ist, spannend, weil ich in die strukturelle Planung von etwas längerfristigem involviert bin, das bleiben wird. Und es bewahrheitet sich immer wieder, dass man nie weiss, wann man einmal erworbenes Wissen wird anwenden können. Was haben mich die 3 e-mails pro Woche in Winterthur genervt, in denen jedes Detail der Renovation des OP-Traktes ausgebreitet wurde! und was bin ich plötzlich froh, dass ich zumindest ein paar davon doch gelesen habe und nicht sofort in den Papierkorb expeditiert habe. Denn jetzt haben wir die Chance, es gut anzugehen, anstatt uns in einem irgendwie eingerichteten Behelfts-OP irgendwie durchzuschlagen!

Donnerstag, 19. Juli 2007

expats

Ihr fragt ab und zu, wie die anderen expats mit der ganzen Situation hier zurechtkommen. und es stimmt, es ist interessant zu beobachten (und zwangsläufig ist es ein Beobachten aus nächster Nähe), wie jeder einzelne mit Stress und Bewegungsbeschränkung und einer unwestlichen Art, die Dinge anzugehen, umgeht.

Mario, der field-co, sucht am meisten die Nähe der lokalen Bevölkerung, und sie respektieren ihn und mögen ihn. Manchmal hat er mehr Verständnis für sie als für uns ... aber auf jeden Fall hilft es ihm, wenn sie ihm ein bisschen schmeicheln und ihm "exklusive" Informationen geben z.B. darüber, wen der Distriktchef vor einer Stunde getroffen hat oder wo man gerade ethiopische Soldaten gesichtet hat. Ausserdem hat er sich eine geradezu kindlich-naive Sicht auf die Medizin bewahrt, und er kann unsere Arbeit hier tatsächlich als "wir retten Menschenleben" ansehen.

Maria kämpft. sie hat, ähnlich wie Annelise, ziemliche Schwierigkeiten damit, manche Dinge einfach als Tatsache zu akzeptieren, anstatt in Verzweiflung auszubrechen. Wenn eine Mutter mit einem untererhährten Kind einfach beschliesst, dass sie jetzt lange genug im Krankenhaus waren und nach Hause geht, und zwar ohne die empfohlene Zusatzernährung, dann verdirbt ihr das den Tag. und zusätzlich ist ihr lokaler "Zwilling", Dr. Bashir, nicht wirklich eine Hilfe, und die beiden kommen einfach nicht zusammen. Ihre Bewältigungsstrategie ist reden, reden, reden, und meistens enden wir in Gelächter, weil es doch irgendwie komisch ist, wie Dr. Bashir im Licht der Petroleumlampe verzweifelt nach seiner heruntergefallenen Sonnenbrille gesucht hat, während wir versucht haben, den Armeechef der Region zu reanmieren. Annelise versucht eher, sich abzulenken und schleppt den Laptop mit einem Film (skurilerweise haben wir neulich "good bye Lenin") geguckt) auf's Dach.

Pierre macht seinem Aerger ziemlich direkt Luft, schimpft mit den Arbeitern, wenn der eine den Dreck von links nach rechts fegt, und der andere von rechts nach links, schimpft mit dem Generatortyp, wenn der sein Mitagsschläfchen macht, während das OP-Team wütend im Dunkeln ins Funkgerät faucht, und schimpft mit mir, wenn ich ihm Computerprobleme aufhalse, anstatt selber herumzuprobieren; und das funktioniert ziemlich gut. Wenn's ganz hart kommt, dann regt er sich auf französisch auf, und das ruft eine Mischung aus "ups, jetzt wird's ernst" und neugierigem "sag mal, was hat er genau gesagt?" hervor. Und nach dem Gewitter ist er wieder entspannt und ausgeglichen.

Maki - schwierig zu sagen. sie hat eine enorme Sprachbarriere, von japanisch zu englisch und von englisch zu Somali, denn ihre Hebammen sprechen nicht alle wirklich unsere Sprachen. Ausserdem ist das Essen hier für sie am ungewohntesten. und sie hat immer noch nicht herausgefunden, wie sie e-mails nach Hause auf japanisch schreiben kann. Wahrscheinlich schützt es sie, dass sie einiges von den Sicherheitsbedenken und neuesten Gerüchten schlicht nicht mitbekommt.

Sakata und Fatuma fühlen sich schon rein sprachlich und kulturell eher zu Hause hier, und wenn es ihnen zu eng wird in dieser kleinen Welt zwischen Krankenhaus und Compound, dann öffnet der Fernseher das Fenster zur Welt und das Handy zu den Lieben zu Hause.

und Ogaro verzweifelt, glaube ich. ich bin mir nicht sicher, ob er sich wirklich klar gemacht hat, auf was er sich da einlässt und dass seine Arbeit hier mehr sein würde als Narkosen machen und nach Hause gehen. Und anstatt all die kleinen Alltagsschwierigkeiten beim Haarschopf zu packen und den Schwestern einmal mehr zu erklären, dass Blutdruckmessen auch in der Nacht schlau ist und nicht nur am Tag, zum Beispiel, lamentiert er über die schlechte Ausstattung und das geringe Niveau und die Qualität des Tees. er zieht sich stark zurück und sucht eher die Ruhe in seinem Zimmer.

für mich selber - ich habe sicher, neben Mario, die beste Unterstützung im Krankenhaus durch Abdirahim und einen Teil des OP-Teams, die sehr sehr herzlich mit mir umgehen und die ich sehr mag. und ich habe das Glück, dass mir das Essen schmeckt und dass ich ziemlich gut schlafe hier. und dass sich für mich der Anblick der Palmen jenseits der Mauer eher wie Ferien anfühlt als wie Eingesperrtsein. und dass mich das expat-Team mag und respektiert (abgesehen vielleicht von Ogaro ...). und dass ich, gerade in Momenten, die schwierig zu akzeptieren sind (Frau verweigert Kaiserschnitt, weil sie sich sonst als Versager fühlt und endet einige Tage später in der Leichenhalle; junger Mann mit doppelt gebrochenem Kiefer, der uns kurz nach der Operation, die an sich schon hanebüchend war ohne die entsprechenden Kenntnisse und das entsprechende Material, schlicht erstickt ist), Trost finde in der Religiosität der Leute hier, die das in einer Mischung aus Fatalismus und Gelassenheit als gottgegeben ansehen, Inshalla. Der Islam durchdringt die Gesellschaft tief, und das bedeutet, anders als oft bei uns suggeriert, nicht nur Unterdrückund und Terror, sondern auch Sicherheit und Geborgenheit. und damit habe ich auch überhaupt kein Probelm damit, 10 min. länger auf mein Mittagessen zu warten, weil der Fahrer und die Wachleute noch eben beten gehen - eine Tatsache, die Mario z.B. jedesmal aufregt.

und übrigens bin ich immer noch vollständig gesund! die Moskitos mögen mich nämlich nicht! und die fingergrosse Kakerlake hat sich flugs höflich durchs Fenster zurückgezogen, als ich duschen wollte. und die Gefahr von Sonnenbrand ist im OP auch eher klein.

Dienstag, 17. Juli 2007

und ein besserer Tag!

na also, auf einen schlechten Tag folgt ein guter ... und noch ein guter!

na ja, ich kämpfe immer noch mit unserem neuen Anästhesisten, der zwar wunderbare Vorträge darüber halten kann, wie nützlich Narkosen MIT Intubation sind, wie wir unsere Indikationsstellungen verbessern können und wie die Putzfrauen besser den Boden im OP reinigen könnten, aber leider keinen blassen Schimmer über den nächsten Patienten hat und uns auch heute morgen wieder eine Operation gecancelt hat, einfach weil er verpasst hat, sich den Patienten mal näher anzusehen. Es ist plötzlich ziemlich ermüdend, nicht nur die eigenen Patienten, die Schwestern, das OP-Personal, die Instrumente, die Hebammen und die Katzen im Auge zu behalten, sondern auch noch die Anästhesieabteilung zu schmeissen ... und einmal mehr: ich vermisse Hassan, und ich merke jeden Tag mehr, was er alles so im Hintergrund gemanagt hat. Aber wie heisst es so schön: wenn es einfach wäre, könnte es jeder!

und so habe ich einen relativ friedlichen Nachmittag damit zugebracht, mit Abdirahim unter den Bäumen im Garten des Krankenhauses zu sitzen, uns den Tee nachfüllen zu lassen, und Hinz und Kunz (bzw. Abdi und Mohamed) von A nach B zu schicken. Die Patienten fanden das natürlich klasse, endlich das Chirurgenteam mal zum Greifen nahe und haben das weidlich ausgnützt, um eine Art Privatvisite zu veranstalten, und sind einer nach dem anderen mitsamt ihren ausgedehnten Familien mal zum Händeschütteln vorbeigekommen. Fein, ein bisschen socializing ist auch wichtig!

unsere beiden guten OP-Pfleger haben solange eine kleine Operation alleine durchgeführt, ich habe sie jetzt mal alleinegelassen mit den Worten "ruft uns, wenn Ihr uns braucht", und nach einer halben Stunde kamen sie stolz und strahlend angetrabt, alles prima, sogar alle Papiere ausgefüllt, und ganz ohne Hilfe! es ist so schön zu merken, wie sie Selbstvertrauen entwickeln, wie sie lernen und die Dinge auch so umsetzen, wie ich es möchte. Und wichtig für die Gesellschaft hier: schliesslich will ich ja nicht für immer hierbleiben.

Apropos hierbleiben: gestern abend hat mein Team beschlossen, dass sie mich nicht mehr gehenlassen. Einwand Nr. 1: dann muss ich doch heiraten, oder? grosse Begeisterung, 1'000 Vorschläge. Einwand Nr. 2: Ihr habt mir doch erklärt, dass eine Frau über 20 nicht mehr unter die Haube zu bringen ist hier, denn eine Frau über 20, die noch nicht verheiratet ist - da muss ein Problem sein. Unsinn, noch grössere Begeisterung, Präzisierung der Vorschläge. Einwand Nr. 3: aber wenn ich hierbleibe und heirate und dann 16 Kinder bekomme, dann kann ich nicht mehr als Chirurgin mit Euch arbeiten. Gelächter, abgeschmettert: doch Du kannst das. erst Einwand Nr. 4 konnte sie stoppen: dann kommt mein Papa und schleppt mich persönlich heim. ups, Papa-Christine war ein ernsthaftes Hindernis!

Sonntag, 15. Juli 2007

kein optimaler Tag

das fing schon schlecht an: eigentlich sollte heute ein wunderschöner Tag werden. Erst wollten wir eine Hysterektomie machen, für die wir uns den Vormittag freigehalten haben, und auf die wir uns schon seit Tagen freuen. Währenddessen wurden im Hause Abdirahim zwei Ziegen geschlachtet, um die 7 Tage nach Geburt seines Kindes zu feiern, und den Nachmittag wollten wir uns beide freinehmen. Leider durfte ich aus Sicherheitsgründen sowieso nicht hin, aber es ist ja auch ein Junge geworden (Abdirahims Kommentar: "leider ein Junge" - "hä? wieso leider" habe ich da irgendwas über die somalisch-islamische Kultur grundlegend missverstanden? - "wäre es ein Mädchen, hätte ich sie Christine genannt, und zwar diesmal wirklich und nicht diese Schummelei mit Muslima").

aber auch das scheint ein kontinentübergreifendes Schicksal von Chirurgen zu sein; wenn ein Familienfest ins Haus steht, kommt ein Notfall (liebe Grüsse an Fraukes Papa!). So wurden wir ziemlich früh und ziemlich unsanft, vor dem Weckruf des Muezzins, ins Krankenhaus transportiert für einen Notfall-Kaiserschnitt. Dumm nur, dass kein männlicher Angehöriger aufzutreiben war, der die Einverständniserklärung hätte unterschreiben können. Also hat Ahmet, unsere Oberschwester und Imam, versucht, stattdessen einen Clanchef aufzutreiben, der dann auch tatsächlich irgendwann aufgetaucht ist, aber leider war es der falsche Clan, und der Clanchef ist brummelig wieder von dannen gezogen. Also wollten wir eine andere Patientin vorziehen, aber die Anästhesie hat plötzlich kompliziert getan. Na gut, dann eben eine dritte Patientin, und dann haben die OP-Pfleger gepennt und die falsche Patientin in den OP geschleppt (die Dame war bereits operiert, ihr Schnarchnasen!).

Die Patientin für den Kaiserschnitt war derweil mit den Nerven am Ende und hat ihre Englisch-Brocken zusammengesammelt, um micht zu bitten, ihr zu helfen, sie sei zwar eine Frau, aber doch auch ein Mensch, und ich sei doch auch eine Frau ... ich war zum ersten Mal, seit ich hier angekommen bin, den Tränen nahe. Abdirahim wollte das nicht mit ansehen und wollte die Patientin dann eben ohne Einverständniserklärung operieren. Das wiederum wollte ich nicht verantworten, und es hat zwei Tee mit viel Zucker gebraucht, bis wir uns wieder beruhigt hatten.

Schliesslich haben die Autoritäten den Weg über die Religion gefunden, der Islam stellt nämlich Wittwen (was die Patientin nicht ist, eher schwanger und unverheiratet, ein mittlerer Skandal an sich in diesem Land) und Waisen (was die Patientin offenbar ist, ich habe da nicht weiter insistiert) unter besonderen Schutz, und gegen Mittag konnten wir endlich starten. Zwischendurch haben wir x Patienten in der Notaufnahme gesehen, und die Hebamme hat uns zu einer blutenden Schwangeren gerufen, die allerdings nicht schwanger war, sondern nach dem Verlust einer Schwangerschaft wieder ihre Menstruation bekommen hat.

Im OP stellte sich dann heraus, dass die Laborwerte vertauscht waren, und Inshallah, gottlob war zufällig gerade noch Blut vorrätig von einer anderen Patientin mit passender Blutgruppe. Zu schweigen von einer Anästhesietruppe, die an allem ewig herumgenestelt und gezuppelt hat, anstatt einfach Narkose zu machen! und dann ging der Strom aus, weil der Generatortyp Mittagspause machen wollte. und dann fing Ogaro an, an der Indikation für den Kaiserschnitt herumzumäkeln. und dann kam auch noch die Katze, die normalerweise in der chirurgischen Männerstation herumschleicht, in den OP, um sich das Chaos mal neugierig anzugucken. ui, diese Katze hat mit ihrem Leben gespielt! der Anästhesist übrigens auch! und, weniger lustig, die Patientin in der Zwischenzeit auch. Hassan, Du fehlst uns hier!

aber Ende gut, alles gut, Mutter und Baby geht es gut, und Abdirahim hat vorhin ein Stück Ziege herüberschicken lassen. und das werde ich jetzt, unter dem Sternenhimmel und im warmen Abendwind, in Ruhe geniessen!

Freitag, 13. Juli 2007

Vokale

diese Sprache ist ein kleiner Alptraum! ich habe Euch ja schon mal geschrieben, dass die Vokale ziemlich austauschbar erscheinen, dafür, wenn sie sich für einen entschieden haben, dann gerne gleich doppelt geschrieben werden (Soomaalia). ok, kann man sich vielleicht noch vorstellen in der Tradition des Arabischen, das die Sprache über die Religion beeinflusst (wenn ein Patient in die Sprechstunde kommt und salam aleikum sagt, weiss man meistens, dass er nicht aus dem Busch kommt - und ich fühle mich jedesmal ein wenig wie in 1'001 Nacht).

jetzt machen die Leute hier einen Namen zur Koseform, indem sie einen Vokal hintendranhängen. Erstaunlicherweise ist der namensabhängig definiert und NICHT austauschbar. Hassan wird zu Hassane und nichts anderem, Abdirahim zu Abdirahimo, Abdirahman allerdings, wurde mir erklärt, kann man nicht zur Koseform machen. und Christine? - Christinu, logisch, oder? ich will gar nicht wissen, wie sie das schreiben würden, wahrscheinlich Chriistiinuuuu, so klingt das jedenfalls.

so langsam verstehe ich auch, waum sie nicht zurechtkommen mit Maria (der Pädiaterin - Frau) und Mario (dem field coordinator - Mann), denn Mario ist die logische Koseform für Maria. Ihre eigenen Marias - Maryam - kann man wiederum nicht umwandeln. Fremde Welt!

Hassan

gestern hat uns Hassan verlassen. oh, das ist ein Verlust! wer füllt mir jetzt Mangosaft ins leere Glas nach? und schubst die Hängematte an? und findet die verborgenen Antibiotika in der Krankenhausapotheke? und übersetzt das aufgeregte Kauderwelsch des emergency room-Teams? und wer macht Freitags mit mir Visite? und guckt im Anschluss, wenn es draussen zu heiss ist, eine nigerianische soap opera? ich vermisse ihn jetzt schon ...
sein Ersatz, Ogaro, auch aus Kenia (allerdings spricht er kein Somali) ist noch ziemlich verloren hier, schläft schlecht, fühlt sich noch nicht sicher und vermisst all die netten kleinen Hilfsmittel von zu Hause ("machst Du auch laparoskopische Operationen hier?" - Himmel, Junge, wir haben noch nicht mal einen Elektrokoagulator, und manchmal auch nicht wirklich Strom ...).
Auf wiedersehen, Hassan!

Dienstag, 10. Juli 2007

Hausgeister

da wir ja nicht aus dem Haus können (und im Moment schon gar nicht, da einer unserer Wachleute in einer Clanfehde erschossen wurde, und die ethiopischen Truppen kurz davor sind, wieder in die Stadt einzurücken, um die Sache zu beruhigen ... der Wachmann war ein enger Verwandter des Gouverneurs und wurde von einem engen Verwandten des Polizeichefs erschossen), müssen wir unsere Hausgeister zum Einkaufen schicken.

das klappt prima für die meisten Dinge, aber ich hatte in den letzten Tagen ein Problem, bzw. meinen Nagellack zu Hause vergessen. also wollte ich eingentlich Nagellack aus Nairobi schicken lassen, aber der Oberhausgeist bekam Wind davon ... und das Wunder geschah: es gibt Nagellack zu kaufen auf dem Markt vor der Haustüre! jetzt bin ich stolze Besitzerin einer Flasche rot-glitzernden somalischen Nagellacks (noch nicht mal ein Dubai-Import!), produziert in Mogadisho! das muss man sich mal vorstellen - Somalia, aus der Ferne ein zerrissenes Etwas zwischen mittelalterlichen Clanfehden und internationalen Interessen, stellt nebenbei Glitzernagellack her!

Montag, 9. Juli 2007

dress code

ich wollte Euch schon lange ein paar Photos schicken, aber der Computer weigert sich, sie hochzuladen. und Pierre ist damit beschäftigt, die Flut der Krücken zusammen mit dem Schreiner zu basteln und hat kein Ohr für blöde Computerprobleme ...

ich kann Euch also nur beschreiben, dass ich KEIN Kopftuch trage (tragen darf, MSF policy), im Gegensatz zu ausnahmslos allen Frauen hier, die eine Art Tischtuch mit ausgeschnittenem Loch in der Mitte, wo das Gesicht herausschaut, überstülpen. Darunter entweder ein einfaches Baumwollkleid (kann ich nachvollziehen) oder ca. 10 Röcke, Unterröcke, Unter-unterröcke, und noch ein Tuch um den Bauch, gerne aus Polyester (und das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen). Wir dürfen Hosen tragen (lang), und sollten eigentlich MSF-T Shirts anziehen. Diese T-Shirts sind geschickterweise weiss, und wenn Pierre eins anhatte, behält es für immer Spuren von Generator, Schrankfarbe und Strassenbau. mit Glück hat es danach kein Loch ... . ich weigere mich also inzwischen, damit auf Visite zu gehen oder Sprechstunde zu machen, schliesslich würden wir so verratzte T-Shirts zu Hause auch nur zum Streichen anziehen. Also habe ich mich inzwischen an die Männer angepasst: T-Shirt, Hemd darüber (H&M sei dank, meine Hemden sind weit und aus Leinen), lange Hose. jetzt fragt mich nicht, wie ich es aushalte, bei 30° T-Shirt und Hemd übereinanderzuziehen, aber man passt sich an, und inzwischen friere ich nur im T-Shirt!

dafür bin ich wahrscheinlich die einzige Person in ganz Belet Weyne, die Absätze an den Schuhen trägt ... aber das fällt offenbar unter Toleranz gegenüber den Fremden und stört niemanden.

Sonntag, 8. Juli 2007

danke !

ich bin jedesmal ganz gerührt von Euren Kommentaren und freue mich immer über die Neuigkeiten aus dem Alltag zu Hause. es tut gut zu lesen, dass Ihr an mich denkt und Anteil nehmt an meinen Erlebnissen hier. Mit Hassan hatte ich gestern eine lange Diskussion daüber, wie es ist, wenn man fern ist von zu Hause und seinen Lieben - und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Lieben eigentlich gar nicht so fern sind, wenn man sie im Herzen trägt.

Samstag, 7. Juli 2007

Blinddarmentzündung

nein, nicht ich selber!

da hatten wir also vorgestern einen kleinen Jungen mit Bauchschmerzen, und plötzlich hüpfte das ganze Krankenhaus aufgeregt herum ... das könnte eine Blinddarmentzündung sein! dazu muss man wissen, dass eine Blinddarmentzündung, die mich in Winterthur ja zeitweise geradezu verfolgt haben, ein ziemlich seltenes Krankheitsbild ist hier. und ich sah mich plötzlich vor der leicht undankbaren Aufgabe, unter ca. 30 erwartungsvollen Augenpaaren die Diagnose zu stellen, mit nichts anderem als meinen Händen. kein Ultraschall, kein CRP, aber immerhin eine typische Krankengeschichte, und schliesslich habe ich äusserlich gelassen auch darauf verzichtet, im Licht der untergehenden Sonne die weissen Blutkörperchen auszählen zu lassen - was soll's, gehen wir halt nach der Klinik, wie unsere Vorväter.

Diskussion im OP: Deine Operation, nein Deine, Abdirahim, als Gentleman, wollte mir diesen seltenen Fall gleichsam als "Geschenk" überlassen, und ich habe versucht, ihn davon zu überzeugen, dass ich wirklich genug Blinddärme operiert habe und das das "bei uns" ungefähr so aufregend ist wie hier eine Schussverletzung. Und dann haben wir eine wunderschöne klassische Appendektomie gemacht und waren stolz wie die Schneekönige, dass es wirklich eine Blinddarmentzündung war. Ehrlich gesagt, war ich ziemlich erleichtert ... auch mit Labor und Ultraschall kann man sich täuschen!

Freitag, 6. Juli 2007

Einverständniserklärung

das kennen wir ja von zu Hause: bevor ein Patient operiert wird, wird er über die Operation aufgeklärt und muss er eine Einverständniserklärung unterschreiben.

hier ist das im Prinzip nicht anders, und doch ganz anders. der Patient wird auch über die Operation aufgeklärt, allerdings ganz und gar nicht im westlichen Verständnis über Techniken, Alternativen und Risiken - so ein Unsinn auch, schliesslich kommt der Patient, um sich operieren zu lassen (sonst wäre es ja ziemlich sinnlos, einen Chirurgen aufzusuchen, oder?), und bitteschön, das Chirurgenteam soll's so machen, wie es sich gehört und den Patienten nicht mit irgendwelchen Vorträgen über Sinn, Unsinn oder Alternativen belästigen. Und was die Risiken angeht: entweder reagieren sie völlig über und rennen weg, wenn man die Möglichkeit von z.B. einem Wundinfekt erwähnt, oder sie zucken völlig gelangweilt mit der Schulter - was ist denn ein Wundinfekt gegen die Gefahr, in der nächten Clanfehde eine Kugel in den Bauch zu bekommen ...

essentiell hingegen ist die Unterschrift unter der Einverständniserklärung, und zwar nicht die Unterschrift des Patienten, sondern die eines (männlichen) Verwandten. Die Idee dahinter: wenn der Patient unter der Operation stirbt, dann ist ja niemand mehr da, der bezeugen kann, dass der Patient mit der Operation einverstanden war ... der Unterschreiber haftet also mit seiner Unterschrift dafür, dass der Patient auch wirklich einverstanden war, und muss das im Zweifelsfall vor seinem Clan verteidigen. Gottlob kreuzen fast alle Patienten mit einer Horde Angehörigen im Krankenhaus auf, sodass meistens schnell jemand zur Hand ist; komplizierter ist das Vorlesen dieser Einverständniserklärung und führt zu absolut nicht dem Ernst der Situation angemessenen Kichern, wenn ich das übernehme ... und die Leute hier können ziemlich ausgelassen kichern!

noch komplizierter wird es bei der Einverständniserklärung für einen Kaiserschnitt. Für die Frau bleibt ihr Vater der erste Zuständige (nicht der Ehemann, wie das bei uns ja lange der Fall war), für das Kind ist jedoch der Vater des Kindes (also der Ehemann) zuständig. Die Ehemänner sind jedoch, anders als die Väter, oft nicht da, weil in Mogadisho beim Geschäftemachen, als Soldaten unterwegs oder schlicht zu Hause geblieben. Dann glühen wieder die Handys, die Väter beratschlagen sich mit Onkeln, Brüdern, Cousins, und das Chirurgenteam geht einen Tee trinken, bis sich die Lage geklärt hat.

Dienstag, 3. Juli 2007

Blutbank

wir haben hier im Krankenhaus ja ein kleines Labor, in guten Händen bei Fatuma, aber natürlich keine Blutbank, also kein Blut vorrätig.

Es gibt hier in Belet Weyne allerdings ein ebenso verwunderliches wie erstaunlich effektives System, die "walking blood bank". wenn wir einen Patienten haben, der dringend Blut braucht, wie z.B. gestern nacht bei einer Patientin, die extrem viel Blut verloren hat kurz vor der Geburt, dann setzt sich ein undurchschaubares Kommunikationssystem in Gang. Die Laborleute, unterstützt von Dr. Halane, rufen bestimmte Leute in der Stadt an, die sich vorher bereit erklärt hatten, Blut zu spenden. Die kommen dann ins Krankenhaus, eine Blutprobe von ihnen wird verwendet, um die Blutgruppe zu testen und einige Infektionskrankheiten, und wenn's passt, dann spenden sie einen halben Liter Blut. Da die Kühlung von Vollblut nicht sehr lange möglich ist, geht das nicht auf Vorrat, die Leute kommen also, wenn's nötig ist; im Fall von gestern nacht war das gespenstisch: um Mitternacht, nur im Licht des fast-noch-Vollmondes, da es um diese Zeit keine Elektrizität mehr gibt, kamen an die 10 Personen ins Krankenhaus getigert. Und bis wir zwei passende Blutkonserven (na ja, eher nicht Konserven, sondern eben frisch) beieinander hatten, haben wir versucht, die Patientin im Schein von zwei Petroleumlampen am Leben zu halten. Petroleumlampen, da der kleine Nachtgenerator gerade ausreicht, um Licht im Labor zu machen und im OP, wo die OP-Pfleger alles parat gemacht haben für den Kaiserschnitt ...

gegen drei Uhr morgens konnten wir dann loslegen, und da Vollblut ja im Gegensatz zu unseren Erythrozytenkonzentraten zu Hause Gerinnungsfaktoren enthält, ist uns die Patientin gerade so nicht unter den Händen verblutet. Ich sage Euch, der kitschige Ausdruck vom "Saft des Lebens" bekommt unter diesen Umständen eine ganz andere Bedeutung!

und einmal mehr: im Licht der jährlich immer wiederkehrenden Aufrufe zum Blutspenden in der Sommerzeit bei uns, die meistens ziemlich ungehört verhallen, ist es ziemlich erstaunlich, wie gross und selbstverständich die Bereitschaft hier ist, Hut ab! Es ist nicht ganz ungefährlich, mitten in der Nacht durch Belet Weyne zu spazieren, um ins Krankenhaus zu kommen, um dort Blut zu spenden ...

Sonntag, 1. Juli 2007

Effektivität

na, das musste ja so kommen!

da haben Abdirahim und ich also am Freitag beschlossen, den Freitag Frei-Tag sein zu lassen und uns ein bisschen zu schonen. Also haben wir zwei nicht ganz so dringende Verbandswechsel auf den Samstag verschoben und uns einen friedlichen Nachmittag gemacht.

Für Samstag hatten wir ausserdem eine Hysterektomie geplant ... ein bisschen an der Grenze zu den "erlaubten" Operationen in diesem Kontext hier, aber schliesslich fanden wir, wir müssten ab und zu ein bisschen üben für den Fall der Fälle, dass uns einmal eine Notfall-Hysterektomie hereingeschneit kommt, und ausserdem tat uns die Patientin leid. Die Hysterektomie war nicht ganz einfach, und der OP-Pfleger ganz und gar nicht vertraut mit den Instrumenten (sag ich doch, man muss ab und zu trainieren!). Tja, und plötzlich leichter Aufruhr vor dem OP, Hassan ist dann mal gucken gegangen und kam für seine sonst unstörbarenVerhältnisse ziemlich aufgeregt zurück - die Notaufnahme voller Patienten, eine Schiesserei zwischen zwei Clans und ein Haufen Verletzter. Super! wir haben also mit fliegenden Nadeln weiteroperiert ... und realisiert, dass es vielleicht keine ganz gute Idee war, unsere Hysterektomie-Trainigssession ausgerechnet auf die Woche zu legen, in der Maria (die Pädiaterin) und Annelise (die Kraknenschwester) ihre wohlverdienten Ferien am kenianischen Strand geniessen.

Bilanz: zwei Schwerverletzte, 11 Mittelschwerverletzte, und ich hatte noch die Visite auf der pädiatrischen Station vor mir. Und jetzt kommt Afrika zum Tragen: was alles sonst so nicht funktioniert, plötzlich waren alle hellwach. und zweitens: als ich am späten Nachmittag versucht habe, zumindest Hassan und Abdirahim zum verspäteten Mittagessen kurz heimzuschicken, während ich die Kurve über die Pädiatrie schlagen wollte - nein, keine Chance, "if you stay, then I stay". Sie haben mich also aus Solidarität begleitet auf meiner Runde zwischen Mangelernährung und Lungenentzündung, allerdings den Fahrer losgeschickt, um etwas zu essen zu holen und die Teefrau gerufen. Afrika zum Dritten: nachdem die am schwersten Verletzten versorgt waren, die Sonne untergegangen war und wir bereits einmal kurz unterbrochen hatten für das Abendgebet, da beschlossen meine Mitstreiter, dass es für heute genug sei und wir uns um die restlichen Patienten auch noch morgen kümmern können. Ich habe mehr als nur kurz gestutzt: da warteten noch Patienten mit blutigen Verbänden vor dem OP! aber irgendwie hatten sie Recht: man muss Prioritäten setzen, und das heisst auch, dass man selber bei der Stange bleiben kann. Und erneut keine Chance, sich aufzuteilen - "it's more fun to stay together". Ja, more fun sicher, effektiver sicher nicht! aber vielleicht können wir in Europa wirklich lernen von ihnen: es muss nicht immer 100% effektiv sein, dafür tut es der Seele besser, und Effektivität ist hier definitiv unwichtiger als ein gutes Gemeinschaftsgefühl.

Ich habe also nicht insistiert. und siehe da, unseren Patienten ging es prima heute morgen, und es war definitiv weniger schmerzhaft, die Schusswunden heute morgen, gut ausgeschlafen und gefrühstückt, zu versorgen, als es das gestern Nacht gewesen wäre.