Montag, 27. August 2007

Christine nicht mehr in Somalia

zurück in Europa. am meisten hat mich der Geruch erschreckt: die Flughafenluft in Amsterdam war so glatt und kühl und leicht parfümiert. Genf riecht dick, sommerwarmfeucht, der See riecht nach Algen, die Strasse nach Auto ...
wo ist der leichte Geruch von Holzfeuer? die Spur von ungewaschenem Mensch? der süsse Duft von Kamelmilch auf dem Weg zum Markt? und überhaupt riecht Somalia eher weniger, im Vergleich zu dem, was hier auf meine Nase einströmt.
und der Taxifahrer hat mich ziemlich ärgerlich gemustert gestern abend, als ich auf der linken Seite einsteigen wollte (nein, nein, ich wollte nicht sein Taxi räubern!)

immerhin ist es warm, und auch wenn mir Belet Weyne fehlt: ein Kaffee am Genfer Seeufer ist auch nicht zu verachten!

Freitag, 24. August 2007

jetzt nicht heulen

noch eine Stunde, bevor das Flugzeug abhebt und mich aus Somalia heraustransportiert.
es war ein wunderschöner Abschied gestern, erst im Krankenhaus, dann am Abend vom expat-Team ... und jetzt sollte ich wirklich den Koffer packen!

Donnerstag, 23. August 2007

Abschied

oh, heute ist der Tag des Abschiednehmens von der Klinik unter Palmen, und den Leuten, die mir hier ans Herz gewachsen sind, und von den Patienten, die eine Ziege schlachten wollten ... ein komisches Gefühl. Die Zeit ist wahnsinnig schnell vorbeigegangen, es kommt mir vor, als wäre ich erst vor kurzem aus Zürich abgereist, mit meinem Wahnsinnskoffer und leichter Panik. ich kann kaum glauben, dass das im Juni war!

und andererseits freue ich mich wieder auf Euch alle, bin ganz gespannt auf Neuigkeiten und will Euch alle ganz bald ganz fest drücken!

also: ich fliege am Freitag, 24.08. aus Belet Weyne weg (diesmal Flugzeug am Freitag, Organisation und MSF, das ist keine dicke Freundschaft ...), am 26.08. verlasse ich Nairobi über Amsterdam nach Genf, Debriefing am Montag, 27.08. in Genf, und dann bin ich am Dienstag in Zürich!

aber jetzt werden wir erst noch mal mit dem ganzen OP-Team frühstücken, und für den Abschiedsabend mit dem expat-Team habe ich eine Flasche Champagner gehortet, die jetzt gleich in den Kühlschrank (danke, Unicef) wandern wird.

Dienstag, 21. August 2007

und wieder mal die ethiopischen Truppen

es ist ein ewiges hin und her: jetzt sind die ethiopischen Truppen mal wieder in der Stadt, und damit sind wir mal wieder auf unsere 3 Etagen unseres compounds beschränkt. Ich muss sagen, heute stört mich das nicht so wahnsinnig. Es hat etwas für sich, im Halbschatten auf der Dachterasse zu sitzen, mit dem Funkgerät in der einen Hand, einer Tasse Tee in der anderen, und von Zeit zu Zeit ein paar Fragen zu beantworten, mit Sakatta als Uebersetzer, wenn sich das Notfallteam im Eifer des Gefechts mit Somalischen Worten übeschlägt und vergisst, dass ich sie dann nicht so wahnsinnig gut verstehe. Remote control, nennt sich das ... und ist zwar ein bisschen chaotisch, aber auf jeden Fall sehr bequem.

Komisch, gell? wenn man an Ethiopien denkt, hat man verhungernde Kinder vor Augen und Dürre und Trockenheit, aber nicht eine gefürchtete militärische Macht - aber aus der Sicht von hier stellt sich das ganz anders dar.

Sonntag, 19. August 2007

OP-Eröffnungsparty

lange erwartet, heute war der grosse Tag der OP-Eröffnungsparty. Na ja, eine Party in Somalia sieht so aus: die Männer auf einer Seite, schick anzusehen die Herren des Aeltestenrates mit ihren Henna-gefärbten Bärten und karierten Röcken. Der neue Gouverneur, der alte district commissioner (draussen die berühmt-berüchtigten Technicals, das sind diese Pick-ups mit Maschinengewehr auf der Ladefläche und einer Menge junger Leibwächter). Die Doktors und Ahmet, die "Oberschwester", und das health committee (mehr Henna-Bärte, ausserdem eher dicke Bäuche). auf der anderen Seite die Frauen, eine vom health committee, wir weiblichen expats und, Demonstration von Selbstbewusstsein, 2 Hebammen und 3 Krankenschwestern.

Dann gab es lange, vom Winde verwehte Reden - ich glaube, in dem Sinne, dass alle zufrieden und glücklich sind, jedenfalls haben wir alle artig geklatscht. Das Essen kam dann ganz selbstverständlich in grossen Platten in die Mitte des Tisches, und nachdem die Putzfrauen mit einem grossen Eimer Wasser zum Händewaschen die Runde gemacht hatten, haben wir uns mit den Fingern bedient. Das Essen ist sowieso der zentrale Punkt eines Somalischen Fests, wurde uns erklärt, und so ist das Chirurgenteam ziemlich schnell wieder in den neuen OP verschwunden, um sich den Opfern des letzten Clanzusammenstosses zu widmen, und die Logistikcrew musste auf dem Gusse folgen, da der neue OP noch ein paar Kinderkrankheiten hat (vielleicht sollten wir beim nächsten Mal Maria, die Pädiaterin, rufen?).

Freitag, 17. August 2007

zurück!


und da bin ich wieder, glücklich gelandet neben der "Klinik unter Palmen" - und da im Hintergrund sind sie wirklich, die Palmen, inzwischen von ihren getrockneten Palmwedeln befreit von einem halsbrecherischen Kletterer, der wie ein Affe mit blossen Füssen und natürlich ohne jede Sicherung an den Palmstämmen hochgeklettert ist.

es war ein begeisterter Empfang, und als erstes haben wir gleich den neuen Operationstrakt ausprobiert: Klimaanlage zickt noch (Pierre verzweifelt, diesmal sind wirklich nicht die grobmotorischen Mediziner schuld!), noch nicht alles hat seinen Platz gefunden, aber immerhin kommen die Teefrauen schon über die Schwelle, auch wenn das neue Büro viel kleiner und nicht so gemütlich ist wie das alte. Ach ja, und die Operation war ein geglückter Kaiserschitt, das ist doch prima zur Einweihung!

ich bin wirklich froh, wieder hier zu sein. Kenia und Safari war ja ganz nett, aber das Projekt und die Leute hier (expats und locals) sind mir wirklich ans Herz gewachsen. und wann hat man mal die Chance, von einem Miliz-Wachmann umarmt zu werden (er hat dafür sogar sein Gewehr weggestellt) - und das ganze Operationssaal-Team hat sich heute morgen, es ist immerhin Freitag, versammelt, um mit mir Visite zu machen, einfach weil's so nett ist!

(im Bild: Abdirahman, Anesthesiepfleger mit dem blauen OP-Buch, ich, Abdirahim, mein Chirurgenkollege, und Hassan, OP-Pfleger, im Korridor der chirurgischen Männerstation)

Mittwoch, 15. August 2007

Jenseits von Afrika

aus nicht so ganz nachvollziehbaren, aber auf jeden Fall vielfaeltigen Gruenden musste ich letzten Donnerstag nach Nairobi fliegen, und aus dem geplanten verlaengerten Wochenende wurde eine Woche. Nairobi: eiskalt, regnerisch und gleichzeitig staubig (das muss man erst mal hinbekommen), Christine: froestelnd und genervt, da gab es nur eine Loesung: ein Reisebuero.

Und so habe ich 3 Tage am Naivasha-See im Rift Valley verbracht, eine voellig ungeplante kleine Safari! und es war die Luxus-Variante: ein freundlicher unaufdringlicher Fahrer, der mir diskret all die "come and see my shop, my friend"- Leute vom Hals gehalten hat, eine Menge guter Vorschlaege hatte und mir ausserdem die Aufgabe abgenommen hat, im Strassengewirr von Nairobi ohne Hinweisschlider ueberhaupt aus der Stadt herauszufinden. Die Lodge stammt wirklich noch aus Kolonialzeiten, daran angegliedert ist ein wildlife conservation centre, und die Nilpferde kamen abends puenktlich zum Abendessen (im grossen Essaal, alle an einem Tisch, unter den Augen der Queen und diversen Massai-Bildern), um draussen schmatzend Gras in ihre Maegen zu schaufeln. Die Safari haben wir, ausser Reichweite von Loewen und Elephanten, zu Fuss gemacht, und das war wirklich ein Erlebnis, einfach hinter den Zebras und Giraffen hinterherzuwandern, und in respektvollem Abstand haben wir uns gegenseitig auch nicht gestoert. und zurueck in der Lodge gab es tatsaechlich den 5-Uhr-Tee auf der Terasse, mit Fischadlern und Pelikanen im Blick und freundlichen Affen, denen jemand vor langer langer Zeit beigebracht haben musste, dass sie gerne in den Aesten herumturnen koennen, aber nicht auf meinem Kuchenteller.

Jetzt freue ich mich allerdings wieder sehr auf Somalia! auch wenn das wieder 5 Stunden im rattelnden rumpelnden Flugzeug bedeutet ... . ich bin gespannt darauf, wie sich mein Team die Woche geschlagen hat (keine Zweifel!), freue mich auf die Dachterasse und die Haengematte, auf das fette gebratene Kamel mit Reis und undefinierter roter Sauce, auf das Kichern von Dr. Halane und vielleicht, vielleicht die neue Klimaanlage im neuen Operationstrakt!

Montag, 6. August 2007

Zukunft

das war ein typischer Meeting-Nachmittag. anstatt vergnügt ein bisschen Visite zu machen, mit Abdirahim einen Tee zu trinken und noch ein wenig zu operieren, haben wir uns alle um einen grossen Tisch (den Esstisch) gesetzt, Pierre noch kurz ins Krankenhaus geschickt, um den Grundrissplan zu holen (ok, ja, ich bin den halben Morgen direkt gegenüber der Wand gesessen, an der der Plan hängt, aber habe trotzdem vergessen, ihn abzuhängen ... Zitat "you bloddy medical people are so bloddy brainless!"), und uns überlegt, wie das Krankenhaus weiterwachsen soll. Ich muss sagen, es war zwar mühsam, aber insgesamt ziemlich konzentriert und weitgehend effektiv ("you bloddy logistics are so bloddy concerned for your generator!") - und jetzt haben wir geplant, organisiert, verteilt, und mein OP sieht, zumindest auf dem Papier, genauso aus wie mit dem Logistikchef besprochen. und, hihi, wir haben einen zweiten, kleinen Operationssaal innerhalb der Notaufnahme bekommen, und der alte Operationstisch aus italienischen Zeiten wird entrostet und wiederhergerichtet. Da werden sich meine Jungs hoffentlich freuen!

na, ob ich die Eröffnung des neuen OP-Traktes noch erleben werde? auf einmal fühlt es sich an, als wäre ich mit einem Fingerschnippen weg - dabei sind es noch 2 1/2 Wochen ... und es ist ein gutes Gefühl, dass ich gerne noch bleiben würde, aber schlicht nicht bleiben kann. Ein bisschen wie bei einer Party, die man verlässt, bevor man zum Aufräumen herangezogen werden kann ...

Samstag, 4. August 2007

Statistik

und jedesmal am Anfang des neuen Monats der gleiche Kampf: die Krankenhausstatistik. Oh mein Gott, was bin ich froh, dass es dafür bei uns Leute gibt, die das im besten Fall sogar gerne machen, in jedem Fall aber machen! das Entziffern der Diagnosen, Nachrechnen von Aufenthaltstagen, Zählen von Komolikationen und im schlimmsten Fall "kannst Du Dich erinnern, ob dieser Patient in einem chirurgischen Bett lag oder in der Kinderstation?" ist wirklich kein Spass.

freundlicherweise ist heute der neue Gouverneur eingetroffen - freundlicherweise, weil das die Sicherheitslage mal wieder soweit strapaziert hat, dass wir am Nachmittag nicht ins Krankenhaus gehen konnten und deshalb die Statistik in Ruhe auf der Dachterasse (Laptops sind ein Segen!) mit einem frischen Tee in Angriff nehmen konnten. und das mit der Dachterasse war insofern auch eine gute Idee, weil der Akku des Laptops nach 1 1/2 Stunden in die Knie ging und Pierre nur mit Kopfschütteln auf unseren nicht wahnsinnig ernstgemeinten Wunsch nach einem Verlängerungskabel reagiert hat, ob wir vielleicht glauben, dass er endlos Verlängerungskabel in seiner Hosentasche habe oder den Generator ausstecken solle - klar glauben wir das, er ist schliesslich der Techniker, magic Pierre wird's schon richten!

der Einzug des neuen Guverneurs war allerdings ein bisschen beunruhigend ... das sah von unserem Balkon wirklich aus wie im Fernsehen. Schrottreife Vehikel, vollgestopft mit jugentlichen Soldaten, Geschrei, Gehupe, Geblinke (sofern der Blinker noch funktioniert hat) und jede Menge Staub. und eine Bevölkerung, die ihre Marktstände ziemlich früh verlassen hat heute. Na ja, 2 der jungen Leibwächter waren jedenfalls nicht mehr dabei, weil sie gestern Nacht von ihrem Laster gefallen sind und jetzt mit Gehirnerschütterung und Platzwunden in unserem Krankenhaus liegen. War nicht leicht, einem vollgedröhnten kopfschmerzgeplagten 20-jährigen klarzumachen, dass er entweder medizinische Hilfe oder sein Gewehr zurückbekommt, aber nicht beides gleichzeitig - und seinen Kumpels, dass es NICHT nötig ist, zu zehnt um sein Bett herumzustehen und den Mini-Rambo zu markieren. wahrscheinlich heult er morgen, weil er nicht dabei war beim Triumphzug.

andererseits hat uns der Guverneur auf diese Weise eine kleine Pause vom Patienten- und Komplikationenzählen verschafft und mir einen verlängerten Mittagsschlaf. so hat doch alles sein Gutes, irgendwie!

Freitag, 3. August 2007

post-Party Visite

das war eine lange Nacht gestern: unsere medizinische Koordinatorin aus Nairobi ist gestern aus dem Flugzeug gehüpft (unter anderem, denn der Logistiker in Nairobi hat sich endlich an die Arbeit gemacht und neben der neuen Klimaanlage für den neuen OP, Farbe für die Wände, Paracetamol und Labortests auch Kleinigkeiten wie Ketchup und Schokoladenkekse in diesen armen Lufthüpfer gepackt - ha, hatte er doch ein schlechtes Gewissen, dass er uns hat so lange schmoren lassen! allerdings immer noch kein Kaffee), und da gab es viel zu plaudern! und der fast-noch Vollmond hat unsere Petroleum-Lampen auf der Dachterasse unterstützt, und die Küchenfrauen hatten Samosas gemacht, und irgendwann hat uns der Morgen-Muezzin daran erinnert, dass gleich die Sonne aufgehen wird.

ui, ich bin nur mittelmässig motiviert für die Freitags-Visite im Krankenhaus! die Schwestern werden eine friedliche Visite erleben, ohne Grundsatzdiskussionen darüber, dass sie zum Verbandswechsel mehr als eine einzige Kompresse anschleppen könnten, dass mal wieder 10'000 Angehörige die Station bevölkern, dass es keine gute Ausrede für vergessene Medikamente ist, dass man verwirrt war von den neuesten Gerüchten um "the ethiopian troops" und dass der Sauerstoffkonzentrator aussieht, als hätte er eine mehrtägige Reise durch staubige Wüsten und nasse Flüsse hinter sich. Stop, nein, den Sauerstoffkonzentrator sollten sie geputzt haben gestern!

Donnerstag, 2. August 2007

und noch eine Friedenskonferenz

und dann hat sich die Lage auf einmal wieder beruhigt. Der ethiopische Befehlshaber, der Distriktkommissar und die Stammesältesten haben sich zusammengesetzt (und Gott-sei-Dank hat niemand dieses Treffen beschossen ... so viel Verstand scheint auch mitten in der Hitze des Gefechts an der Oberfläche zu bleiben) und die Sache diskutiert. Eine Lieblingbeschäftigung! Die Ethiopier haben behauptet, dass sie gar nicht geschossen haben. Grosses Gelächter unter der Bevölkerung, wer sonst in Belet Weyne und Umgebung hat Granatwerfer. Und leichte Verunsicherung, schliesslich gibt es diese Gerüchte, dass Eritrea die Islamisten mit schweren Waffen ausstattet, um den Feind Ethiopien ein bisschen zu pieksen. Der Stammesälteste von dem Subclan, der den Wasseranlieferer angegriffen hat, hat sich bei dem Stammesältesten des Wasseranlieferers entschuldigt, was erstaunlicherweise die Ethiopier nicht aufgeregt hat. Die Ethiopier bekommen ihr Wasser jetzt von einem anderen Clan, was wiederum den bisherigen Wasseranlieferersubclanchef aufgeregt hat, da jetzt sein Geschäft beim Teufel ist, bloss weil seine Jungs (und die des Angreifersubclans) die Sache vermasselt haben. Und der Oberclanchef ist sauer, weil er jetzt 3 Tage lang in Dauermeetings mit den ethiopischen Truppen blockiert war, anstatt seinerseits seinen Geschäften nachzugehen. Und der Distriktkommissar wurde wegen Unfähigkeit ausgetauscht, sein Nachfolger ist allerdings noch in Mogadishu.

Kommt Ihr noch mit? Ich verstehe, warum die Leute hier dieser ganzen Winkelzüge vollkommen überdrüssig sind und einfach nur noch ihre Ruhe wollen. Und über Politik reden wollen sie auch nicht mehr - die Angst vor Spitzeln und Racheakten sitzt tief, Erbe der Militätdiktatur, dass im Bürgerkrieg problemlos fortgesetzt wurde.

Dem Wasseranlieferer geht es übrigens prima, ebenso wie seinem Angreifer. Wir haben sie an den entgegengesetzten Enden der Männerstation plaziert, und dann haben sie protestiert, weil sie näher beieinanderliegen wollten, um die Sache ausdiskutieren zu können. Fein! Da kommt Dr. Christine einfach nicht mehr mit, aber wenn sie wollen ... meine einzige Bedingung war, dass sie nur mit dem Mund diskutieren. Und das tun sie tatsächlich!