Montag, 27. August 2007
Christine nicht mehr in Somalia
wo ist der leichte Geruch von Holzfeuer? die Spur von ungewaschenem Mensch? der süsse Duft von Kamelmilch auf dem Weg zum Markt? und überhaupt riecht Somalia eher weniger, im Vergleich zu dem, was hier auf meine Nase einströmt.
und der Taxifahrer hat mich ziemlich ärgerlich gemustert gestern abend, als ich auf der linken Seite einsteigen wollte (nein, nein, ich wollte nicht sein Taxi räubern!)
immerhin ist es warm, und auch wenn mir Belet Weyne fehlt: ein Kaffee am Genfer Seeufer ist auch nicht zu verachten!
Freitag, 24. August 2007
jetzt nicht heulen
es war ein wunderschöner Abschied gestern, erst im Krankenhaus, dann am Abend vom expat-Team ... und jetzt sollte ich wirklich den Koffer packen!
Donnerstag, 23. August 2007
Abschied
und andererseits freue ich mich wieder auf Euch alle, bin ganz gespannt auf Neuigkeiten und will Euch alle ganz bald ganz fest drücken!
also: ich fliege am Freitag, 24.08. aus Belet Weyne weg (diesmal Flugzeug am Freitag, Organisation und MSF, das ist keine dicke Freundschaft ...), am 26.08. verlasse ich Nairobi über Amsterdam nach Genf, Debriefing am Montag, 27.08. in Genf, und dann bin ich am Dienstag in Zürich!
aber jetzt werden wir erst noch mal mit dem ganzen OP-Team frühstücken, und für den Abschiedsabend mit dem expat-Team habe ich eine Flasche Champagner gehortet, die jetzt gleich in den Kühlschrank (danke, Unicef) wandern wird.
Dienstag, 21. August 2007
und wieder mal die ethiopischen Truppen
Komisch, gell? wenn man an Ethiopien denkt, hat man verhungernde Kinder vor Augen und Dürre und Trockenheit, aber nicht eine gefürchtete militärische Macht - aber aus der Sicht von hier stellt sich das ganz anders dar.
Sonntag, 19. August 2007
OP-Eröffnungsparty
Dann gab es lange, vom Winde verwehte Reden - ich glaube, in dem Sinne, dass alle zufrieden und glücklich sind, jedenfalls haben wir alle artig geklatscht. Das Essen kam dann ganz selbstverständlich in grossen Platten in die Mitte des Tisches, und nachdem die Putzfrauen mit einem grossen Eimer Wasser zum Händewaschen die Runde gemacht hatten, haben wir uns mit den Fingern bedient. Das Essen ist sowieso der zentrale Punkt eines Somalischen Fests, wurde uns erklärt, und so ist das Chirurgenteam ziemlich schnell wieder in den neuen OP verschwunden, um sich den Opfern des letzten Clanzusammenstosses zu widmen, und die Logistikcrew musste auf dem Gusse folgen, da der neue OP noch ein paar Kinderkrankheiten hat (vielleicht sollten wir beim nächsten Mal Maria, die Pädiaterin, rufen?).
Freitag, 17. August 2007
zurück!
und da bin ich wieder, glücklich gelandet neben der "Klinik unter Palmen" - und da im Hintergrund sind sie wirklich, die Palmen, inzwischen von ihren getrockneten Palmwedeln befreit von einem halsbrecherischen Kletterer, der wie ein Affe mit blossen Füssen und natürlich ohne jede Sicherung an den Palmstämmen hochgeklettert ist.
es war ein begeisterter Empfang, und als erstes haben wir gleich den neuen Operationstrakt ausprobiert: Klimaanlage zickt noch (Pierre verzweifelt, diesmal sind wirklich nicht die grobmotorischen Mediziner schuld!), noch nicht alles hat seinen Platz gefunden, aber immerhin kommen die Teefrauen schon über die Schwelle, auch wenn das neue Büro viel kleiner und nicht so gemütlich ist wie das alte. Ach ja, und die Operation war ein geglückter Kaiserschitt, das ist doch prima zur Einweihung!
ich bin wirklich froh, wieder hier zu sein. Kenia und Safari war ja ganz nett, aber das Projekt und die Leute hier (expats und locals) sind mir wirklich ans Herz gewachsen. und wann hat man mal die Chance, von einem Miliz-Wachmann umarmt zu werden (er hat dafür sogar sein Gewehr weggestellt) - und das ganze Operationssaal-Team hat sich heute morgen, es ist immerhin Freitag, versammelt, um mit mir Visite zu machen, einfach weil's so nett ist!
(im Bild: Abdirahman, Anesthesiepfleger mit dem blauen OP-Buch, ich, Abdirahim, mein Chirurgenkollege, und Hassan, OP-Pfleger, im Korridor der chirurgischen Männerstation)
Mittwoch, 15. August 2007
Jenseits von Afrika
Und so habe ich 3 Tage am Naivasha-See im Rift Valley verbracht, eine voellig ungeplante kleine Safari! und es war die Luxus-Variante: ein freundlicher unaufdringlicher Fahrer, der mir diskret all die "come and see my shop, my friend"- Leute vom Hals gehalten hat, eine Menge guter Vorschlaege hatte und mir ausserdem die Aufgabe abgenommen hat, im Strassengewirr von Nairobi ohne Hinweisschlider ueberhaupt aus der Stadt herauszufinden. Die Lodge stammt wirklich noch aus Kolonialzeiten, daran angegliedert ist ein wildlife conservation centre, und die Nilpferde kamen abends puenktlich zum Abendessen (im grossen Essaal, alle an einem Tisch, unter den Augen der Queen und diversen Massai-Bildern), um draussen schmatzend Gras in ihre Maegen zu schaufeln. Die Safari haben wir, ausser Reichweite von Loewen und Elephanten, zu Fuss gemacht, und das war wirklich ein Erlebnis, einfach hinter den Zebras und Giraffen hinterherzuwandern, und in respektvollem Abstand haben wir uns gegenseitig auch nicht gestoert. und zurueck in der Lodge gab es tatsaechlich den 5-Uhr-Tee auf der Terasse, mit Fischadlern und Pelikanen im Blick und freundlichen Affen, denen jemand vor langer langer Zeit beigebracht haben musste, dass sie gerne in den Aesten herumturnen koennen, aber nicht auf meinem Kuchenteller.
Jetzt freue ich mich allerdings wieder sehr auf Somalia! auch wenn das wieder 5 Stunden im rattelnden rumpelnden Flugzeug bedeutet ... . ich bin gespannt darauf, wie sich mein Team die Woche geschlagen hat (keine Zweifel!), freue mich auf die Dachterasse und die Haengematte, auf das fette gebratene Kamel mit Reis und undefinierter roter Sauce, auf das Kichern von Dr. Halane und vielleicht, vielleicht die neue Klimaanlage im neuen Operationstrakt!
Montag, 6. August 2007
Zukunft
na, ob ich die Eröffnung des neuen OP-Traktes noch erleben werde? auf einmal fühlt es sich an, als wäre ich mit einem Fingerschnippen weg - dabei sind es noch 2 1/2 Wochen ... und es ist ein gutes Gefühl, dass ich gerne noch bleiben würde, aber schlicht nicht bleiben kann. Ein bisschen wie bei einer Party, die man verlässt, bevor man zum Aufräumen herangezogen werden kann ...
Samstag, 4. August 2007
Statistik
freundlicherweise ist heute der neue Gouverneur eingetroffen - freundlicherweise, weil das die Sicherheitslage mal wieder soweit strapaziert hat, dass wir am Nachmittag nicht ins Krankenhaus gehen konnten und deshalb die Statistik in Ruhe auf der Dachterasse (Laptops sind ein Segen!) mit einem frischen Tee in Angriff nehmen konnten. und das mit der Dachterasse war insofern auch eine gute Idee, weil der Akku des Laptops nach 1 1/2 Stunden in die Knie ging und Pierre nur mit Kopfschütteln auf unseren nicht wahnsinnig ernstgemeinten Wunsch nach einem Verlängerungskabel reagiert hat, ob wir vielleicht glauben, dass er endlos Verlängerungskabel in seiner Hosentasche habe oder den Generator ausstecken solle - klar glauben wir das, er ist schliesslich der Techniker, magic Pierre wird's schon richten!
der Einzug des neuen Guverneurs war allerdings ein bisschen beunruhigend ... das sah von unserem Balkon wirklich aus wie im Fernsehen. Schrottreife Vehikel, vollgestopft mit jugentlichen Soldaten, Geschrei, Gehupe, Geblinke (sofern der Blinker noch funktioniert hat) und jede Menge Staub. und eine Bevölkerung, die ihre Marktstände ziemlich früh verlassen hat heute. Na ja, 2 der jungen Leibwächter waren jedenfalls nicht mehr dabei, weil sie gestern Nacht von ihrem Laster gefallen sind und jetzt mit Gehirnerschütterung und Platzwunden in unserem Krankenhaus liegen. War nicht leicht, einem vollgedröhnten kopfschmerzgeplagten 20-jährigen klarzumachen, dass er entweder medizinische Hilfe oder sein Gewehr zurückbekommt, aber nicht beides gleichzeitig - und seinen Kumpels, dass es NICHT nötig ist, zu zehnt um sein Bett herumzustehen und den Mini-Rambo zu markieren. wahrscheinlich heult er morgen, weil er nicht dabei war beim Triumphzug.
andererseits hat uns der Guverneur auf diese Weise eine kleine Pause vom Patienten- und Komplikationenzählen verschafft und mir einen verlängerten Mittagsschlaf. so hat doch alles sein Gutes, irgendwie!
Freitag, 3. August 2007
post-Party Visite
ui, ich bin nur mittelmässig motiviert für die Freitags-Visite im Krankenhaus! die Schwestern werden eine friedliche Visite erleben, ohne Grundsatzdiskussionen darüber, dass sie zum Verbandswechsel mehr als eine einzige Kompresse anschleppen könnten, dass mal wieder 10'000 Angehörige die Station bevölkern, dass es keine gute Ausrede für vergessene Medikamente ist, dass man verwirrt war von den neuesten Gerüchten um "the ethiopian troops" und dass der Sauerstoffkonzentrator aussieht, als hätte er eine mehrtägige Reise durch staubige Wüsten und nasse Flüsse hinter sich. Stop, nein, den Sauerstoffkonzentrator sollten sie geputzt haben gestern!
Donnerstag, 2. August 2007
und noch eine Friedenskonferenz
Kommt Ihr noch mit? Ich verstehe, warum die Leute hier dieser ganzen Winkelzüge vollkommen überdrüssig sind und einfach nur noch ihre Ruhe wollen. Und über Politik reden wollen sie auch nicht mehr - die Angst vor Spitzeln und Racheakten sitzt tief, Erbe der Militätdiktatur, dass im Bürgerkrieg problemlos fortgesetzt wurde.
Dem Wasseranlieferer geht es übrigens prima, ebenso wie seinem Angreifer. Wir haben sie an den entgegengesetzten Enden der Männerstation plaziert, und dann haben sie protestiert, weil sie näher beieinanderliegen wollten, um die Sache ausdiskutieren zu können. Fein! Da kommt Dr. Christine einfach nicht mehr mit, aber wenn sie wollen ... meine einzige Bedingung war, dass sie nur mit dem Mund diskutieren. Und das tun sie tatsächlich!
Montag, 30. Juli 2007
Unruhe
Keine Sorge, wir waren rechtzeitig zu Hause, und das Haus hat dicke Mauern aus italienischen Zeiten (und habt diesmal Vertrauen zum italienischen Handwerk!). und wir sind nicht das Ziel, allerdings zielen die Ethiopier nicht 100% genau, und falls sie Al-Baraka, unseren geliebten Telefonprovider-Drahtverhau treffen, dann war's das erst mal mit dem Internet. Macht Euch also keine Sorgen, wenn Ihr in den nächsten Tagen vielleicht nichts von mir hört!
falls es wirklich chaotisch wird, steht in Nairobi ein Flugzeug für uns parat - aber für den Moment hoffe ich, dass es in Nairobi bleiben kann und sich die Dinge in den nächsten Tagen wieder beruhigen. Ich war heute jedenfalls mächtig stolz auf meine Jungs, die sich tapfer geschlagen haben zwischen Thoraxdrainagen ("ich? ich soll das machen? aber nicht alleine, Du musst bei mir bleiben!" ich habe meinen OP-Pfleger dann daran erinnert, dass Männer nicht nur essen wie ein Löwe, sondern auch Thoraxdrainagen legen können wie ein Löwe, und die Sinnlosigkeit dieser Argumentation ist ihm in der Hitze des Gefechts Gott-sei-Dank nicht aufgegangen) und Schussverletzung und "aber ich habe für heute einen Termin wegen des Leistenbruchs". jedenfalls haben sie etwas gelernt von mir, und falls wir doch Richtung Nairobi verschwinden müssen, können sie sich jedenfalls besser um ihre Bevölkerung kümmern als vorher.
also macht Euch keine Sorgen, wir bleiben für's erste im Haus und warten ab.
Umzug
der Umzug der Wachstation, mit zwei Patienten unter Sauerstoff, war dann eher etwas für die Aerzte, aber mit vereinten Kräften, in einem somalisch-italienisch-englischen Kauderwelsch (und landessprachlichen Flüchen), haben wir das auch geschafft.
sie ist wunderschön, unsere neue Station: gelbe Wände, lichtdurchflutet, höhere Decke (= mehr Luft), und mehr Platz. kleiner Nebeneffekt: die Schwestern mussten ihre Schränke aus- und wieder einräumen, und siehe da, einiges von den "we don't have"-Objekten kam friedlich ans Tageslicht gekullert. sag ich doch, in einem guten Haushalt geht nichts verloren!
Sonntag, 29. Juli 2007
Tütensuppe
gestern gab es somalisches Frühstück im OP (somalisches Frühstück ist gegen 10 Uhr, das ist insofern praktisch, dass alle Patienten am MOrgen automatisch nüchtern sind - wenn wir vergessen haben, jemanden auf's OP-Programm zu nehmen, dann ist das kein Problem auf der Morgenvisite ... nicht alles ist komplizierter hier!). Einer der OP-Pfleger brachte zwei Plastiktüten - eine mit Brot und die andere, eben mit der Tütensuppe! man öffnet die Plastiktüte, passt auf, dass das Ganze nicht über den Tisch fliesst, tunkt das Brot hinein, schnappt sich damit ein Stück Fleich und ein bisschen Zwiebel oder Paprika und steckt das dann in den Mund. ein ziemliches Geschlabber, aber lecker, sage ich Euch! jetzt wissen wir, woher der Ausdruck mit der Tütensuppe wirklich kommt, allerdings ist das hier der ungetrocknete Zustand.
meine Jungs waren hingerissen von der Tatsache, dass ich esse wie eine somalische Frau. ihrer Beobachtung nach essen Männer eher wie Löwen (klar, was sonst ...), indem sie das ganze Brot nehmen, einen riesigen Haufen damit formen und sich in den Mund stopfen, und nach 10 Minuten haben sie fertig gegessen. Frauen dagegen essen eher wie die Vögelein: kleiner Bissen, kleine Pause, kleiner Schwatz, kleiner Bissen - und dass für ewig. Komisch, den Vergleich mit einem Vögelchen habe ich doch schon mal gehört! und meine Jungs hat es den restlichen Tag lag amüsiert beschäftigt, dass eine Frau zwar Beine amputieren und einen Bauch aufschneiden kann, aber halt doch isst wie eine Frau.
Freitag, 27. Juli 2007
peace conference
es war letztendlich ein gutes Gespräch, ohne grosse Schuldzuweisung oder Herumgeschmolle. und es hat mir sehr gefallen, dass Abdirahim, der sonst eher schüchtern ist, wenn es um's Reden in grösserer Runde geht, auf einmal sehr klar und deutlich seine Meinung sagen konnte (ok, und es hat mir auch gefallen, dass er objektiv, aber deutlich auf meiner Seite war). Ich glaube, jetzt haben wir zumindest eine Basis für ein gemeinsames Weiterarbeiten. Trotzdem bin ich noch leicht skeptisch: eine Friedenspfeife und ein Handschlag sind eine Sache, aber dann muss sie sich auch im Alltag bewähren. und ich fürchte, ich werde Ogaro am Ende seiner Zeit hier in 2 Wochen trotzdem keine Träne nachweinen.
Mittwoch, 25. Juli 2007
Krach
wir haben so viel darüber diskutiert, dass ich keine Lust habe, die Details hier auszubreiten. aber es ist nicht einfach: wenn man sich zu Hause zofft, muss man demjenigen erstens nicht beim Abendessen zusehen und kann zweitens darauf vertrauen, dass am nächsten Tag vielleicht ein anderer Anästhesist Dienst hat. hier gibt es nur uns. und natürlich ist es ein grosser Trost, dass sowohl expat- als auch lokales Team voll hinter mir stehen ... aber einer Lösung bringt uns das deshalb auch nicht näher. mal sehen - morgen setzen wir uns nochmal in aller Ruhe zusammen, aber ich werde wohl nicht darumherumkommen, Ogaro von einigen Aufgaben formal zu entbinden, die er bisher sowieso nicht gemacht hat. und mich dann selber zusammen mit Abdirahim darum kümmern ... dann wissen wir wenigstens, was gemacht ist und was nicht, und wenn's nicht klappt, dann sind wir selber schuld.
einmal mehr: Verantwortung bedeutet auch Entscheidungen, auch harte Entscheidungen, treffen, und es gibt zwar immer eine Alternative (Papa!), aber welche die richtige ist, weiss man gemeinerweise nie genau im Voraus. soll ich Ogaro ins nächste Flugzeug stopfen und die Anästhesie alleine schmeissen? oder auf Kooperation und Diskussion bauen, in der Hoffnung, dass er seinen rechthaberischen Panzer ein wenig öffnet? was kostet mich weniger Energie, die mir dann an anderen Ecken fehlt? und was ist das beste für das ganze Team? und für MSF? wünscht mir Glück!
oh, aber kein Tag ohne etwas Schönes: mein OP-Team ist heute in der Mittagspause auf den Markt gezogen und hat mir nach langem Beratschlagen 3 T-Shirts gekauft, als kleines Dankeschön zwischendrin. ich muss sagen, die Jungs haben sowohl Farbe als auch Grösse ziemlich gut getroffen! ich bin ziemlich gerührt ...
Dienstag, 24. Juli 2007
Technik
Samstag, 21. Juli 2007
Finger
Abdirahim, einmal mehr Gentleman, hat den Part mit der Säge und dem Knochen übernommen, wohlgemerkt eine Handsäge, und beim letzten Mal war ich nach der Hälfte tropfend nass ... . und dann passierte es, er ist abgerutscht und hat sich quer in den Finger gesägt. Mein Gott, habe ich mich erschreckt! im ersten Moment sah ich schon den Zeigefinger fliegen ... na ja, so schlimm war es dann doch nicht, aber weiteroperieren ging trotdem nicht für ihn. Ich war dann doch ganz zufrieden mit mir, dass ich es auch alleine konnte, und der OP-Pfleger reichlich stolz auf sich, dass er plötzlich in einem grossen Eingriff als Assistent dastand.
Teil zwei der Geschichte: die Wundversorgung des Fingers. Ganz Chirurg, zuerst mal grosser Widerstand. Unfug, den Verband mache ich nicht wieder ab, ich habe die Wunde schliesslich selbst gesehen, ist nur ein Kratzer, und überhaupt hast sowieso Du aufgeschrieen und nicht ich, als die Säge abgerutscht ist (stimmt.). Am Nachmittag dann die etwas kleinlautere Variante, ob ich doch mal gucken kann ... aber nur mit den Aeuglein schaun, natürlich. Das hat mich doch daran erinnert, wie ich versucht habe, meine Impfungen herunterzuhandeln, beim Anblick der ca. 1'000 Spritzen. und grosses Protestgeheul, als ich Nähset und Faden herbeigeschleppt habe. kurzes Aufflackern von Heldentum, "ich brauche keine örtliche Betäubung". Natürlich nicht, mein Lieber, aber jetzt hälst Du einfach trotzdem still! und geendet sind wir mit einem tapferen Helden, gehalten und gehätschelt von allen verfügbaren OP-Pflegern und Sakata (der allerdings etwas auf Somali gebrummt hat, das sich wie "stell Dich nicht so an" klang), und einer tapferen Chirurgin, die mal wieder verstanden hat, warum man Freunde und Familie einfach nicht anfassen sollte. Himmel, es ist halt doch ein komisches Gefühl, wenn man den Zeigefinger eines Chirurgenkollegen vor sich hat und nicht den Zeigefinger von Herrn XY. auch wenn es nur eine simple Schnittwunde ist.
Klinik unter Palmen
Ihr tut mir wirklich ein bisschen leid in Eurem verregneten Europa-Sommer! hier ist es nämlich weiterhin extrem angenehm: immer ein bisschen Wind, strahlende Sonne morgens, nachmittags bewölkt es sich ein bisschen, abends fegt der stärkere Wind vom Meer her (das immerhin 300 km weg ist) den Sternenhimmel wieder klar. freundliche 30-35°C am Tag, angenehme 25°C mit einer leichten Brise nachts.
das gefällt auch unseren regelmässigen Besuchern: letzte Woche war unser operationeller Chef aus Genf hier, der ziemlich gestresst und schlafmangelnd direkt aus der Budgetrevision ankam, und wir haben ihm einen echten Ferientag gegönnt, zwischen Hängematte und Mangosaft und Kamel zum Abendessen ... und er war ziemlich erstaunt, dass er sich nach einer Woche "Somalia" tatsächlich erholt und frisch gefühlt hat. Vielleicht bekomme ich ja auf diese Weise doch noch dieses nette kleine tragbare, aber sündteure Ultraschallgerät genemigt (bzw. Abdirahim und der nächste Chirurg hier ...).
und diese Woche begrüssen wir den Cheflogistiker für Somalia, Sudan und Ethiopien hier unter unseren Palmen. Gestern sind wir zusammen mit Pierre den neuen, Inshallah bald renovierten OP angeschritten, und es war extrem spannend: plötzlich finde ich mich mitten in der Konzeptplanung für Dinge wie "Trennung von sauberem und schmutzigem Material", "OP-Tisch längs oder quer", "Ausrichtung von Türen zur Vermeidung von Durchzug, der Staub mit sich transportiert" und "wieviel Platz und Lüftung braucht der Sterilisationsautoklav" wieder. Spannend, da ich mich noch nie mit der Planung eines Operationstrakts beschäftigt habe, spannend, weil ich plötzlich realisiert habe, dass dieses hartgesottene MSF-Urgestein tatsächlich auf einige praktische Details des Chirurgenteams angewiesen ist, spannend, weil ich in die strukturelle Planung von etwas längerfristigem involviert bin, das bleiben wird. Und es bewahrheitet sich immer wieder, dass man nie weiss, wann man einmal erworbenes Wissen wird anwenden können. Was haben mich die 3 e-mails pro Woche in Winterthur genervt, in denen jedes Detail der Renovation des OP-Traktes ausgebreitet wurde! und was bin ich plötzlich froh, dass ich zumindest ein paar davon doch gelesen habe und nicht sofort in den Papierkorb expeditiert habe. Denn jetzt haben wir die Chance, es gut anzugehen, anstatt uns in einem irgendwie eingerichteten Behelfts-OP irgendwie durchzuschlagen!
Donnerstag, 19. Juli 2007
expats
Mario, der field-co, sucht am meisten die Nähe der lokalen Bevölkerung, und sie respektieren ihn und mögen ihn. Manchmal hat er mehr Verständnis für sie als für uns ... aber auf jeden Fall hilft es ihm, wenn sie ihm ein bisschen schmeicheln und ihm "exklusive" Informationen geben z.B. darüber, wen der Distriktchef vor einer Stunde getroffen hat oder wo man gerade ethiopische Soldaten gesichtet hat. Ausserdem hat er sich eine geradezu kindlich-naive Sicht auf die Medizin bewahrt, und er kann unsere Arbeit hier tatsächlich als "wir retten Menschenleben" ansehen.
Maria kämpft. sie hat, ähnlich wie Annelise, ziemliche Schwierigkeiten damit, manche Dinge einfach als Tatsache zu akzeptieren, anstatt in Verzweiflung auszubrechen. Wenn eine Mutter mit einem untererhährten Kind einfach beschliesst, dass sie jetzt lange genug im Krankenhaus waren und nach Hause geht, und zwar ohne die empfohlene Zusatzernährung, dann verdirbt ihr das den Tag. und zusätzlich ist ihr lokaler "Zwilling", Dr. Bashir, nicht wirklich eine Hilfe, und die beiden kommen einfach nicht zusammen. Ihre Bewältigungsstrategie ist reden, reden, reden, und meistens enden wir in Gelächter, weil es doch irgendwie komisch ist, wie Dr. Bashir im Licht der Petroleumlampe verzweifelt nach seiner heruntergefallenen Sonnenbrille gesucht hat, während wir versucht haben, den Armeechef der Region zu reanmieren. Annelise versucht eher, sich abzulenken und schleppt den Laptop mit einem Film (skurilerweise haben wir neulich "good bye Lenin") geguckt) auf's Dach.
Pierre macht seinem Aerger ziemlich direkt Luft, schimpft mit den Arbeitern, wenn der eine den Dreck von links nach rechts fegt, und der andere von rechts nach links, schimpft mit dem Generatortyp, wenn der sein Mitagsschläfchen macht, während das OP-Team wütend im Dunkeln ins Funkgerät faucht, und schimpft mit mir, wenn ich ihm Computerprobleme aufhalse, anstatt selber herumzuprobieren; und das funktioniert ziemlich gut. Wenn's ganz hart kommt, dann regt er sich auf französisch auf, und das ruft eine Mischung aus "ups, jetzt wird's ernst" und neugierigem "sag mal, was hat er genau gesagt?" hervor. Und nach dem Gewitter ist er wieder entspannt und ausgeglichen.
Maki - schwierig zu sagen. sie hat eine enorme Sprachbarriere, von japanisch zu englisch und von englisch zu Somali, denn ihre Hebammen sprechen nicht alle wirklich unsere Sprachen. Ausserdem ist das Essen hier für sie am ungewohntesten. und sie hat immer noch nicht herausgefunden, wie sie e-mails nach Hause auf japanisch schreiben kann. Wahrscheinlich schützt es sie, dass sie einiges von den Sicherheitsbedenken und neuesten Gerüchten schlicht nicht mitbekommt.
Sakata und Fatuma fühlen sich schon rein sprachlich und kulturell eher zu Hause hier, und wenn es ihnen zu eng wird in dieser kleinen Welt zwischen Krankenhaus und Compound, dann öffnet der Fernseher das Fenster zur Welt und das Handy zu den Lieben zu Hause.
und Ogaro verzweifelt, glaube ich. ich bin mir nicht sicher, ob er sich wirklich klar gemacht hat, auf was er sich da einlässt und dass seine Arbeit hier mehr sein würde als Narkosen machen und nach Hause gehen. Und anstatt all die kleinen Alltagsschwierigkeiten beim Haarschopf zu packen und den Schwestern einmal mehr zu erklären, dass Blutdruckmessen auch in der Nacht schlau ist und nicht nur am Tag, zum Beispiel, lamentiert er über die schlechte Ausstattung und das geringe Niveau und die Qualität des Tees. er zieht sich stark zurück und sucht eher die Ruhe in seinem Zimmer.
für mich selber - ich habe sicher, neben Mario, die beste Unterstützung im Krankenhaus durch Abdirahim und einen Teil des OP-Teams, die sehr sehr herzlich mit mir umgehen und die ich sehr mag. und ich habe das Glück, dass mir das Essen schmeckt und dass ich ziemlich gut schlafe hier. und dass sich für mich der Anblick der Palmen jenseits der Mauer eher wie Ferien anfühlt als wie Eingesperrtsein. und dass mich das expat-Team mag und respektiert (abgesehen vielleicht von Ogaro ...). und dass ich, gerade in Momenten, die schwierig zu akzeptieren sind (Frau verweigert Kaiserschnitt, weil sie sich sonst als Versager fühlt und endet einige Tage später in der Leichenhalle; junger Mann mit doppelt gebrochenem Kiefer, der uns kurz nach der Operation, die an sich schon hanebüchend war ohne die entsprechenden Kenntnisse und das entsprechende Material, schlicht erstickt ist), Trost finde in der Religiosität der Leute hier, die das in einer Mischung aus Fatalismus und Gelassenheit als gottgegeben ansehen, Inshalla. Der Islam durchdringt die Gesellschaft tief, und das bedeutet, anders als oft bei uns suggeriert, nicht nur Unterdrückund und Terror, sondern auch Sicherheit und Geborgenheit. und damit habe ich auch überhaupt kein Probelm damit, 10 min. länger auf mein Mittagessen zu warten, weil der Fahrer und die Wachleute noch eben beten gehen - eine Tatsache, die Mario z.B. jedesmal aufregt.
und übrigens bin ich immer noch vollständig gesund! die Moskitos mögen mich nämlich nicht! und die fingergrosse Kakerlake hat sich flugs höflich durchs Fenster zurückgezogen, als ich duschen wollte. und die Gefahr von Sonnenbrand ist im OP auch eher klein.
Dienstag, 17. Juli 2007
und ein besserer Tag!
na ja, ich kämpfe immer noch mit unserem neuen Anästhesisten, der zwar wunderbare Vorträge darüber halten kann, wie nützlich Narkosen MIT Intubation sind, wie wir unsere Indikationsstellungen verbessern können und wie die Putzfrauen besser den Boden im OP reinigen könnten, aber leider keinen blassen Schimmer über den nächsten Patienten hat und uns auch heute morgen wieder eine Operation gecancelt hat, einfach weil er verpasst hat, sich den Patienten mal näher anzusehen. Es ist plötzlich ziemlich ermüdend, nicht nur die eigenen Patienten, die Schwestern, das OP-Personal, die Instrumente, die Hebammen und die Katzen im Auge zu behalten, sondern auch noch die Anästhesieabteilung zu schmeissen ... und einmal mehr: ich vermisse Hassan, und ich merke jeden Tag mehr, was er alles so im Hintergrund gemanagt hat. Aber wie heisst es so schön: wenn es einfach wäre, könnte es jeder!
und so habe ich einen relativ friedlichen Nachmittag damit zugebracht, mit Abdirahim unter den Bäumen im Garten des Krankenhauses zu sitzen, uns den Tee nachfüllen zu lassen, und Hinz und Kunz (bzw. Abdi und Mohamed) von A nach B zu schicken. Die Patienten fanden das natürlich klasse, endlich das Chirurgenteam mal zum Greifen nahe und haben das weidlich ausgnützt, um eine Art Privatvisite zu veranstalten, und sind einer nach dem anderen mitsamt ihren ausgedehnten Familien mal zum Händeschütteln vorbeigekommen. Fein, ein bisschen socializing ist auch wichtig!
unsere beiden guten OP-Pfleger haben solange eine kleine Operation alleine durchgeführt, ich habe sie jetzt mal alleinegelassen mit den Worten "ruft uns, wenn Ihr uns braucht", und nach einer halben Stunde kamen sie stolz und strahlend angetrabt, alles prima, sogar alle Papiere ausgefüllt, und ganz ohne Hilfe! es ist so schön zu merken, wie sie Selbstvertrauen entwickeln, wie sie lernen und die Dinge auch so umsetzen, wie ich es möchte. Und wichtig für die Gesellschaft hier: schliesslich will ich ja nicht für immer hierbleiben.
Apropos hierbleiben: gestern abend hat mein Team beschlossen, dass sie mich nicht mehr gehenlassen. Einwand Nr. 1: dann muss ich doch heiraten, oder? grosse Begeisterung, 1'000 Vorschläge. Einwand Nr. 2: Ihr habt mir doch erklärt, dass eine Frau über 20 nicht mehr unter die Haube zu bringen ist hier, denn eine Frau über 20, die noch nicht verheiratet ist - da muss ein Problem sein. Unsinn, noch grössere Begeisterung, Präzisierung der Vorschläge. Einwand Nr. 3: aber wenn ich hierbleibe und heirate und dann 16 Kinder bekomme, dann kann ich nicht mehr als Chirurgin mit Euch arbeiten. Gelächter, abgeschmettert: doch Du kannst das. erst Einwand Nr. 4 konnte sie stoppen: dann kommt mein Papa und schleppt mich persönlich heim. ups, Papa-Christine war ein ernsthaftes Hindernis!
Sonntag, 15. Juli 2007
kein optimaler Tag
aber auch das scheint ein kontinentübergreifendes Schicksal von Chirurgen zu sein; wenn ein Familienfest ins Haus steht, kommt ein Notfall (liebe Grüsse an Fraukes Papa!). So wurden wir ziemlich früh und ziemlich unsanft, vor dem Weckruf des Muezzins, ins Krankenhaus transportiert für einen Notfall-Kaiserschnitt. Dumm nur, dass kein männlicher Angehöriger aufzutreiben war, der die Einverständniserklärung hätte unterschreiben können. Also hat Ahmet, unsere Oberschwester und Imam, versucht, stattdessen einen Clanchef aufzutreiben, der dann auch tatsächlich irgendwann aufgetaucht ist, aber leider war es der falsche Clan, und der Clanchef ist brummelig wieder von dannen gezogen. Also wollten wir eine andere Patientin vorziehen, aber die Anästhesie hat plötzlich kompliziert getan. Na gut, dann eben eine dritte Patientin, und dann haben die OP-Pfleger gepennt und die falsche Patientin in den OP geschleppt (die Dame war bereits operiert, ihr Schnarchnasen!).
Die Patientin für den Kaiserschnitt war derweil mit den Nerven am Ende und hat ihre Englisch-Brocken zusammengesammelt, um micht zu bitten, ihr zu helfen, sie sei zwar eine Frau, aber doch auch ein Mensch, und ich sei doch auch eine Frau ... ich war zum ersten Mal, seit ich hier angekommen bin, den Tränen nahe. Abdirahim wollte das nicht mit ansehen und wollte die Patientin dann eben ohne Einverständniserklärung operieren. Das wiederum wollte ich nicht verantworten, und es hat zwei Tee mit viel Zucker gebraucht, bis wir uns wieder beruhigt hatten.
Schliesslich haben die Autoritäten den Weg über die Religion gefunden, der Islam stellt nämlich Wittwen (was die Patientin nicht ist, eher schwanger und unverheiratet, ein mittlerer Skandal an sich in diesem Land) und Waisen (was die Patientin offenbar ist, ich habe da nicht weiter insistiert) unter besonderen Schutz, und gegen Mittag konnten wir endlich starten. Zwischendurch haben wir x Patienten in der Notaufnahme gesehen, und die Hebamme hat uns zu einer blutenden Schwangeren gerufen, die allerdings nicht schwanger war, sondern nach dem Verlust einer Schwangerschaft wieder ihre Menstruation bekommen hat.
Im OP stellte sich dann heraus, dass die Laborwerte vertauscht waren, und Inshallah, gottlob war zufällig gerade noch Blut vorrätig von einer anderen Patientin mit passender Blutgruppe. Zu schweigen von einer Anästhesietruppe, die an allem ewig herumgenestelt und gezuppelt hat, anstatt einfach Narkose zu machen! und dann ging der Strom aus, weil der Generatortyp Mittagspause machen wollte. und dann fing Ogaro an, an der Indikation für den Kaiserschnitt herumzumäkeln. und dann kam auch noch die Katze, die normalerweise in der chirurgischen Männerstation herumschleicht, in den OP, um sich das Chaos mal neugierig anzugucken. ui, diese Katze hat mit ihrem Leben gespielt! der Anästhesist übrigens auch! und, weniger lustig, die Patientin in der Zwischenzeit auch. Hassan, Du fehlst uns hier!
aber Ende gut, alles gut, Mutter und Baby geht es gut, und Abdirahim hat vorhin ein Stück Ziege herüberschicken lassen. und das werde ich jetzt, unter dem Sternenhimmel und im warmen Abendwind, in Ruhe geniessen!
Freitag, 13. Juli 2007
Vokale
jetzt machen die Leute hier einen Namen zur Koseform, indem sie einen Vokal hintendranhängen. Erstaunlicherweise ist der namensabhängig definiert und NICHT austauschbar. Hassan wird zu Hassane und nichts anderem, Abdirahim zu Abdirahimo, Abdirahman allerdings, wurde mir erklärt, kann man nicht zur Koseform machen. und Christine? - Christinu, logisch, oder? ich will gar nicht wissen, wie sie das schreiben würden, wahrscheinlich Chriistiinuuuu, so klingt das jedenfalls.
so langsam verstehe ich auch, waum sie nicht zurechtkommen mit Maria (der Pädiaterin - Frau) und Mario (dem field coordinator - Mann), denn Mario ist die logische Koseform für Maria. Ihre eigenen Marias - Maryam - kann man wiederum nicht umwandeln. Fremde Welt!
Hassan
sein Ersatz, Ogaro, auch aus Kenia (allerdings spricht er kein Somali) ist noch ziemlich verloren hier, schläft schlecht, fühlt sich noch nicht sicher und vermisst all die netten kleinen Hilfsmittel von zu Hause ("machst Du auch laparoskopische Operationen hier?" - Himmel, Junge, wir haben noch nicht mal einen Elektrokoagulator, und manchmal auch nicht wirklich Strom ...).
Auf wiedersehen, Hassan!
Dienstag, 10. Juli 2007
Hausgeister
das klappt prima für die meisten Dinge, aber ich hatte in den letzten Tagen ein Problem, bzw. meinen Nagellack zu Hause vergessen. also wollte ich eingentlich Nagellack aus Nairobi schicken lassen, aber der Oberhausgeist bekam Wind davon ... und das Wunder geschah: es gibt Nagellack zu kaufen auf dem Markt vor der Haustüre! jetzt bin ich stolze Besitzerin einer Flasche rot-glitzernden somalischen Nagellacks (noch nicht mal ein Dubai-Import!), produziert in Mogadisho! das muss man sich mal vorstellen - Somalia, aus der Ferne ein zerrissenes Etwas zwischen mittelalterlichen Clanfehden und internationalen Interessen, stellt nebenbei Glitzernagellack her!
Montag, 9. Juli 2007
dress code
ich kann Euch also nur beschreiben, dass ich KEIN Kopftuch trage (tragen darf, MSF policy), im Gegensatz zu ausnahmslos allen Frauen hier, die eine Art Tischtuch mit ausgeschnittenem Loch in der Mitte, wo das Gesicht herausschaut, überstülpen. Darunter entweder ein einfaches Baumwollkleid (kann ich nachvollziehen) oder ca. 10 Röcke, Unterröcke, Unter-unterröcke, und noch ein Tuch um den Bauch, gerne aus Polyester (und das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen). Wir dürfen Hosen tragen (lang), und sollten eigentlich MSF-T Shirts anziehen. Diese T-Shirts sind geschickterweise weiss, und wenn Pierre eins anhatte, behält es für immer Spuren von Generator, Schrankfarbe und Strassenbau. mit Glück hat es danach kein Loch ... . ich weigere mich also inzwischen, damit auf Visite zu gehen oder Sprechstunde zu machen, schliesslich würden wir so verratzte T-Shirts zu Hause auch nur zum Streichen anziehen. Also habe ich mich inzwischen an die Männer angepasst: T-Shirt, Hemd darüber (H&M sei dank, meine Hemden sind weit und aus Leinen), lange Hose. jetzt fragt mich nicht, wie ich es aushalte, bei 30° T-Shirt und Hemd übereinanderzuziehen, aber man passt sich an, und inzwischen friere ich nur im T-Shirt!
dafür bin ich wahrscheinlich die einzige Person in ganz Belet Weyne, die Absätze an den Schuhen trägt ... aber das fällt offenbar unter Toleranz gegenüber den Fremden und stört niemanden.
Sonntag, 8. Juli 2007
danke !
Samstag, 7. Juli 2007
Blinddarmentzündung
da hatten wir also vorgestern einen kleinen Jungen mit Bauchschmerzen, und plötzlich hüpfte das ganze Krankenhaus aufgeregt herum ... das könnte eine Blinddarmentzündung sein! dazu muss man wissen, dass eine Blinddarmentzündung, die mich in Winterthur ja zeitweise geradezu verfolgt haben, ein ziemlich seltenes Krankheitsbild ist hier. und ich sah mich plötzlich vor der leicht undankbaren Aufgabe, unter ca. 30 erwartungsvollen Augenpaaren die Diagnose zu stellen, mit nichts anderem als meinen Händen. kein Ultraschall, kein CRP, aber immerhin eine typische Krankengeschichte, und schliesslich habe ich äusserlich gelassen auch darauf verzichtet, im Licht der untergehenden Sonne die weissen Blutkörperchen auszählen zu lassen - was soll's, gehen wir halt nach der Klinik, wie unsere Vorväter.
Diskussion im OP: Deine Operation, nein Deine, Abdirahim, als Gentleman, wollte mir diesen seltenen Fall gleichsam als "Geschenk" überlassen, und ich habe versucht, ihn davon zu überzeugen, dass ich wirklich genug Blinddärme operiert habe und das das "bei uns" ungefähr so aufregend ist wie hier eine Schussverletzung. Und dann haben wir eine wunderschöne klassische Appendektomie gemacht und waren stolz wie die Schneekönige, dass es wirklich eine Blinddarmentzündung war. Ehrlich gesagt, war ich ziemlich erleichtert ... auch mit Labor und Ultraschall kann man sich täuschen!
Freitag, 6. Juli 2007
Einverständniserklärung
hier ist das im Prinzip nicht anders, und doch ganz anders. der Patient wird auch über die Operation aufgeklärt, allerdings ganz und gar nicht im westlichen Verständnis über Techniken, Alternativen und Risiken - so ein Unsinn auch, schliesslich kommt der Patient, um sich operieren zu lassen (sonst wäre es ja ziemlich sinnlos, einen Chirurgen aufzusuchen, oder?), und bitteschön, das Chirurgenteam soll's so machen, wie es sich gehört und den Patienten nicht mit irgendwelchen Vorträgen über Sinn, Unsinn oder Alternativen belästigen. Und was die Risiken angeht: entweder reagieren sie völlig über und rennen weg, wenn man die Möglichkeit von z.B. einem Wundinfekt erwähnt, oder sie zucken völlig gelangweilt mit der Schulter - was ist denn ein Wundinfekt gegen die Gefahr, in der nächten Clanfehde eine Kugel in den Bauch zu bekommen ...
essentiell hingegen ist die Unterschrift unter der Einverständniserklärung, und zwar nicht die Unterschrift des Patienten, sondern die eines (männlichen) Verwandten. Die Idee dahinter: wenn der Patient unter der Operation stirbt, dann ist ja niemand mehr da, der bezeugen kann, dass der Patient mit der Operation einverstanden war ... der Unterschreiber haftet also mit seiner Unterschrift dafür, dass der Patient auch wirklich einverstanden war, und muss das im Zweifelsfall vor seinem Clan verteidigen. Gottlob kreuzen fast alle Patienten mit einer Horde Angehörigen im Krankenhaus auf, sodass meistens schnell jemand zur Hand ist; komplizierter ist das Vorlesen dieser Einverständniserklärung und führt zu absolut nicht dem Ernst der Situation angemessenen Kichern, wenn ich das übernehme ... und die Leute hier können ziemlich ausgelassen kichern!
noch komplizierter wird es bei der Einverständniserklärung für einen Kaiserschnitt. Für die Frau bleibt ihr Vater der erste Zuständige (nicht der Ehemann, wie das bei uns ja lange der Fall war), für das Kind ist jedoch der Vater des Kindes (also der Ehemann) zuständig. Die Ehemänner sind jedoch, anders als die Väter, oft nicht da, weil in Mogadisho beim Geschäftemachen, als Soldaten unterwegs oder schlicht zu Hause geblieben. Dann glühen wieder die Handys, die Väter beratschlagen sich mit Onkeln, Brüdern, Cousins, und das Chirurgenteam geht einen Tee trinken, bis sich die Lage geklärt hat.
Dienstag, 3. Juli 2007
Blutbank
Es gibt hier in Belet Weyne allerdings ein ebenso verwunderliches wie erstaunlich effektives System, die "walking blood bank". wenn wir einen Patienten haben, der dringend Blut braucht, wie z.B. gestern nacht bei einer Patientin, die extrem viel Blut verloren hat kurz vor der Geburt, dann setzt sich ein undurchschaubares Kommunikationssystem in Gang. Die Laborleute, unterstützt von Dr. Halane, rufen bestimmte Leute in der Stadt an, die sich vorher bereit erklärt hatten, Blut zu spenden. Die kommen dann ins Krankenhaus, eine Blutprobe von ihnen wird verwendet, um die Blutgruppe zu testen und einige Infektionskrankheiten, und wenn's passt, dann spenden sie einen halben Liter Blut. Da die Kühlung von Vollblut nicht sehr lange möglich ist, geht das nicht auf Vorrat, die Leute kommen also, wenn's nötig ist; im Fall von gestern nacht war das gespenstisch: um Mitternacht, nur im Licht des fast-noch-Vollmondes, da es um diese Zeit keine Elektrizität mehr gibt, kamen an die 10 Personen ins Krankenhaus getigert. Und bis wir zwei passende Blutkonserven (na ja, eher nicht Konserven, sondern eben frisch) beieinander hatten, haben wir versucht, die Patientin im Schein von zwei Petroleumlampen am Leben zu halten. Petroleumlampen, da der kleine Nachtgenerator gerade ausreicht, um Licht im Labor zu machen und im OP, wo die OP-Pfleger alles parat gemacht haben für den Kaiserschnitt ...
gegen drei Uhr morgens konnten wir dann loslegen, und da Vollblut ja im Gegensatz zu unseren Erythrozytenkonzentraten zu Hause Gerinnungsfaktoren enthält, ist uns die Patientin gerade so nicht unter den Händen verblutet. Ich sage Euch, der kitschige Ausdruck vom "Saft des Lebens" bekommt unter diesen Umständen eine ganz andere Bedeutung!
und einmal mehr: im Licht der jährlich immer wiederkehrenden Aufrufe zum Blutspenden in der Sommerzeit bei uns, die meistens ziemlich ungehört verhallen, ist es ziemlich erstaunlich, wie gross und selbstverständich die Bereitschaft hier ist, Hut ab! Es ist nicht ganz ungefährlich, mitten in der Nacht durch Belet Weyne zu spazieren, um ins Krankenhaus zu kommen, um dort Blut zu spenden ...
Sonntag, 1. Juli 2007
Effektivität
da haben Abdirahim und ich also am Freitag beschlossen, den Freitag Frei-Tag sein zu lassen und uns ein bisschen zu schonen. Also haben wir zwei nicht ganz so dringende Verbandswechsel auf den Samstag verschoben und uns einen friedlichen Nachmittag gemacht.
Für Samstag hatten wir ausserdem eine Hysterektomie geplant ... ein bisschen an der Grenze zu den "erlaubten" Operationen in diesem Kontext hier, aber schliesslich fanden wir, wir müssten ab und zu ein bisschen üben für den Fall der Fälle, dass uns einmal eine Notfall-Hysterektomie hereingeschneit kommt, und ausserdem tat uns die Patientin leid. Die Hysterektomie war nicht ganz einfach, und der OP-Pfleger ganz und gar nicht vertraut mit den Instrumenten (sag ich doch, man muss ab und zu trainieren!). Tja, und plötzlich leichter Aufruhr vor dem OP, Hassan ist dann mal gucken gegangen und kam für seine sonst unstörbarenVerhältnisse ziemlich aufgeregt zurück - die Notaufnahme voller Patienten, eine Schiesserei zwischen zwei Clans und ein Haufen Verletzter. Super! wir haben also mit fliegenden Nadeln weiteroperiert ... und realisiert, dass es vielleicht keine ganz gute Idee war, unsere Hysterektomie-Trainigssession ausgerechnet auf die Woche zu legen, in der Maria (die Pädiaterin) und Annelise (die Kraknenschwester) ihre wohlverdienten Ferien am kenianischen Strand geniessen.
Bilanz: zwei Schwerverletzte, 11 Mittelschwerverletzte, und ich hatte noch die Visite auf der pädiatrischen Station vor mir. Und jetzt kommt Afrika zum Tragen: was alles sonst so nicht funktioniert, plötzlich waren alle hellwach. und zweitens: als ich am späten Nachmittag versucht habe, zumindest Hassan und Abdirahim zum verspäteten Mittagessen kurz heimzuschicken, während ich die Kurve über die Pädiatrie schlagen wollte - nein, keine Chance, "if you stay, then I stay". Sie haben mich also aus Solidarität begleitet auf meiner Runde zwischen Mangelernährung und Lungenentzündung, allerdings den Fahrer losgeschickt, um etwas zu essen zu holen und die Teefrau gerufen. Afrika zum Dritten: nachdem die am schwersten Verletzten versorgt waren, die Sonne untergegangen war und wir bereits einmal kurz unterbrochen hatten für das Abendgebet, da beschlossen meine Mitstreiter, dass es für heute genug sei und wir uns um die restlichen Patienten auch noch morgen kümmern können. Ich habe mehr als nur kurz gestutzt: da warteten noch Patienten mit blutigen Verbänden vor dem OP! aber irgendwie hatten sie Recht: man muss Prioritäten setzen, und das heisst auch, dass man selber bei der Stange bleiben kann. Und erneut keine Chance, sich aufzuteilen - "it's more fun to stay together". Ja, more fun sicher, effektiver sicher nicht! aber vielleicht können wir in Europa wirklich lernen von ihnen: es muss nicht immer 100% effektiv sein, dafür tut es der Seele besser, und Effektivität ist hier definitiv unwichtiger als ein gutes Gemeinschaftsgefühl.
Ich habe also nicht insistiert. und siehe da, unseren Patienten ging es prima heute morgen, und es war definitiv weniger schmerzhaft, die Schusswunden heute morgen, gut ausgeschlafen und gefrühstückt, zu versorgen, als es das gestern Nacht gewesen wäre.
Donnerstag, 28. Juni 2007
Post !!!
das Versorgungsflugzeug hat zwar die gesamte food box vergessen - also keine Nutella, kein Joghurt für den Obstsalat und kein Bier, aber den Brief der Eltis und Philipps Karte gebracht! ui, das war schön! ich habe mich extrem gefreut! der passende Abschluss für einen bewegten Tag mit Kaiserschnitt und Explosionen.
es ist schon erstaunlich, dass das klappt! aber wie unser Logistiker in Nairobi sagt, wenn man sich Mühe gibt, bekommt man alles überall hin (soll er sich mal Mühe geben und den Joghurt auf den Weg bringen, oder zumindest die Nutella, es gibt nämlich keine Schokolade in diesem Land. wer plumpy nut nach Nordkorea transportieren kann, kann doch bitteschön vielleicht auch Nutella nach Somalia schaffen!).
"I die before you die"
Dann krachte draussen eine Explosion und noch eine, und Abdirahim hob den Kopf und fragte besorgt "are you scared?". Ich war ehrlich gesagt noch in den letzten OP-Bericht vertieft (oh ja, man muss einen OP-Bericht schreiben, und zwar per Hand, nix copy paste vom letzten Mal), und es knallt ja ab und zu, wenn auch vielleicht nicht so heftig. Und dann kam der Satz, der eigentlich nur in ganz alten Filmen oder ganz schlechten SAT 1-Fensehproduktionen auftaucht: "before you die, I die". Ziemlich absurd! Aber hier, in dieser von archaischen Clanstrukturen geprägten Welt, wo die meisten Auseinandersetzungen tatsächlich mit der Waffe in der Hand ausgetragen werden, ist das plötzlich ernsthaft. und gleichzeitig der grösste Beweis von Freundschaft, im Bewusstsein, dass es tatsächlich dazu kommen kann, anders als in Europa, wo ein Satz wie "dafür würde ich mein Leben geben" halt im Konjunktiv bleibt.
ich schreibe Euch das nicht, um Euch zu beunruhigen. Eher, um Euch zu erzählen, dass ich mich sehr gut beschützt fühle hier, dass ich gut aufgehoben bin in einem Netz, das ich zwar selber nicht so ganz verstehe, das mich aber offenbar akzeptiert und schätzt. Meine Antwort war übrigens "but I don't want you to die", und die ebenso absurde Replik "we all have to die one day, and then I prefer dying for a friend". uff. soviel Heroismus zwischen Tee und Kacheln!
wir haben danach übrigens nichts mehr zu tun bekommen, auch wenn wir noch eine weitere kleine Operation gemacht haben und danach noch ein bisschen im Krankenhausgarten herumgesessen sind und auf potentielle Patienten gewartet haben. Die beiden Handgranaten haben getroffen, und danach war das eher eine Sache für den Imam als für die Aerzte. Das mit dem Sterben ist also kein leeres Wort.
Kaiserschnitt
einzige Komplikation: der Mutter zu erklären, dass sie das Mädchen vielleicht doch nicht Christine nennen sollte - nicht wirklich ein guter Name in einem islamischen Land, fand ich ... wir haben uns dann auf Halima geeinigt, auch wenn Hassan das langweilig findet.
Mittwoch, 27. Juni 2007
ein normaler Tagesablauf
morgens weckt mich der Muezzin um 4:30 Uhr. Das ist wunderbar, denn das fühlt sich auf eine Art an wie an einem Sonntag morgen zu Hause. Man wird kurz wach und realisiert, dass man sich nochmal in aller Ruhe auf die andere Seite drehen und weiterschlafen kann. Gegen 6:00 Uhr wird es hell, was die Hähne der Nachbarschaft auf den Plan ruft. Diese Biester gehören in den Kochtopf! ich verstehe nicht, wie diese mageren staubigen Federspirindel so einen Lärm machen können und vor allem so ausdauernd! das weckt auch unsere Wachen, und da die direkt unter meinem Fenster schlafen, wecken sie mich auch, zusammen mit den Hähnen. Ich brauche also keinen Wecker, was insofern gut ist, dass mein Reisewecker pro Tag ca. eine Stunde nachgeht, der Trödler.
Dann Dusche (kalt) im Halbdunkel (weil noch kein Stom), und dann geniesse ich es jeden Morgen ungeheuer, als erste auf der Dachterasse zu sein, mit einer Tasse heissen Tee (Kaffee hier ist Nescafé, also halte ich mich an den Tee, süss mit viel Milch), dem Licht des Sonnenaufgangs und den Geräuschen einer aufwachenden Stadt. Zum Frühstück gibt es eine Art matschiges Weissbrot, und unsere Köchinnen machen morgens Rührei oder Omelette, das man prima in das Brot stopfen kann. Es wird schwer werden, mir diese morgendliche Trödelzeit wieder abzugewöhnen!
Um 7:30 Uhr brechen wir ins Krankenhaus auf, immer mit Hassan, meistens mit Fatuma, und mit denen, die sonst schon fertig sind und noch ins Auto passen. Das Auto ist ein Pick-up mit Rücksitz, und unser Rekord liegt bei 7 Leuten drin. Hinten drauf sind seitlich Bänke montiert, die für unsere zwei bewaffneten Begleiter sind. Nach knapp 5 Minuten Gerumpel über die Staubstrasse, an Eselskarren und Markständen und Läden für alles sind wir im Krankenhaus.
Je nach dem ist Abdirahim schon da oder kommt noch (er wird ebenfalls mit Auto und Begleitschutz zu Hause abgeholt). Dann machen wir uns auf den Weg für die Visite. Erst Aufwachraum, der gleichzeitig Intensivstation ist, d.h.: 4 Betten, ein Sauerstoffkompressionsgerät (d.h. das Gerät komprimiert den Luftsauerstoff auf max. 50%) und halbwegs kompetente Pflege. Hier hat auch Maria manchmal Kinder mit schwerer Lungenentzündung. Dann die chirurgische Männerstation (23 Betten), wo es schon kritischer wird mit Fragen wie "wie ist der Blutdruck" oder Problemen wie "Doctoressa, der Patient hat Fieber" - "wie hoch?" - "weiss nicht, hab nicht gemessen" - "woher weisst Du dann, dass der Patient Fieber hat?" - grosse Augen, leicht beleidigte Mundwinkel "das hat mir der Patient selber gesagt!". ok, Thermometer holen, warten, und dann lachen über "aber eben hat er ganz sicher noch ganz hohes Fieber gehabt!". Die Visite machen also Abdirahim, Hassan, die Schwester und ich, zusammen mit einer undefinierten Menge an "interessierten Personen", z.B. Anästhesiepfleger, OP-Personal, andere Schwestern, besorgte Angehörige, Ahmed, grlangweilte andere Patienten ... aber da die Station sowieso ein einziger grosser Saal ist, kommt es darauf auch nicht an, und die Privatsphäre ist ohnehin ziemlich limitiert. Danach gehen wir auf die Pädiatrie gleich um die Ecke, nächster grosser Saal, wo wir, mehr aus Platzgründen, die cirurgischen Kinder untergebracht haben. Danach gehen wir auf die Wochenbettstation, die wir kurzerhand in die chirurgische Frauenstation umfunktioniert haben, da Frauen nach der Geburt hier in der Regel nach Hause gehen und wir a) die Betten brauchen und b) die Schwestern beschäftigt halten wollen (was die nicht immer so toll finden). Aber letztlich ist das Chirurgenteam auch für die Schwangeren zuständig, und meine Kenntnisse in Geburtshilfe verdoppeln sich täglich, zur Begeisterung von Abdirahim, selber Vater von 5 Kindern, der sich totlacht darüber, dass offenbar Chirurgen in Europa keine Geburtshilfe machen (und Frauen nicht automatisch alles darüber wissen, was es so zu wisen gibt). Hier kommt auch Maki mit, unsere japanische Hebamme, die noch ein bisschen schwimmt in diesem leichten Durcheinander.
Erstaunlicherweise schaffen wir diese Visite in der Regel in 1-2 Stunden, und dann gehen wir in den OP. Wir planen in der Regel nicht mehr als 2 elektive Eingriffe pro Tag, und dann kommen immer noch zwischen 1 und xxx Notfälle hinzu, wir werden also entweder zwischendurch in die Notaufnahme gerufen, oder die Patienten lungern vor dem OP herum und greifen sich den erstbesten, der einen Zeh aus der Türe streckt, um ihm einen Zettel oder ein gruseliges Bein unter die Nase zu halten. Am Anfang dachte ich, ich werde wahnsinnig in dem Chaos, aber einmal drin, ist das ein erstaunlich flexibles System und funktioniert gut. So oder so geht um 12:30 Uhr der Strom aus, und dann muss irgendjemand den Generatortyp auftreiben gehen, der es aus unerfindlichen Gründen nicht schafft, kurz vorher selber vorbeizukommen, um zu fragen, ob wir vielleicht Licht brauchen ...
Normalerweise sind wir zwischen 12 und 2 fertig im OP, und dann kommt die geheiligte Mittagspause: Abdirahim nach Hause auf die andere Seite des Flusses, wir zurück in unser "Hotel", es gibt Reis, gebratene Ziege (Schaf, Kamel, je nach Markt) mit Zwiebeln und grüner Paprika, eine Art rote Gemüsesauce (Suppe?), Pommes Frites, gebratene Leber mit Zwiebeln und grüner Paprika (die ich nicht anrühre), und Melonen/Papaya/Mango. Danach - Mittagsschläfchen!
um 16:00 Uhr fahren wir wieder zurück ins Krankenhaus, machen Problemvisite (die irgendwie nicht so spannend zu sein scheint, jedenfalls werden wir von deutlich weniger Leuten begleitet als morgens, auch die Schwestern finden's eher lästig), schauen nach den frisch operierten vom Morgen, und manchmal, je nach Notfällen und Vormittagsprogramm, gehen wir nochmal in den OP. Auf jeden Fall trinken Abdirahim, Hassan und ich Tee unter den Bäumen im Garten, lassen den Tag Revue passieren und plaudern, oft zusammen mit dem OP-Team, Schwestern und den besorgten Patienten, die die Problemvisite verpasst haben, weil sie ihrerseits gerade Mittagsschläfchen im Garten gehalten haben.
Montags und Donnerstag ist Sprechstunde. Sprechstunde ist ja nie und nirgens die Lieblingsbeschäftigung von Chirurgen, aber hier ist es die Hölle. Abdirahim und ich quetschen uns hinter den Schreibtisch, Hassan daneben, ein OP-Pfleger irgenwie auch daneben, und eine weitere Schwester macht eine Liste der ca. 100'000 Leute, die vor dem Fenster im Garten sitzen. Wir schaffen knapp 10 Patienten pro Stunde, füllen unsere Operationswarteliste, verschreiben Medikamente, und ich werde das Gefühl nicht los, dass wir so eine Art Mülleimer des Krankenhauses sind: wann immer Dr. Halane oder Dr. Bashir nicht weiterwissen - schwupps - surgical consults. Abdirahim und ich haben eine heimliche top ten-Liste der sinnlosesten Konsultationen erstellt, einsam an der Spitze: "Bewusstlosigkeit". Als die Schwester mit diesem Triagezettel erschien, haben wir den Patient sofort vorgezogen, Schwester wieder vor die Türe geschickt ... nicht passierte. Nach einer Ewigkeit kam die Schwester wieder, der Patient sei nicht auffindbar, aber sein Bruder sagte, er sei gerade auf die Toilette gegangen (gegangen? bewusstlos?) und käme sicher gleich zurück. Das nennt man Wunderheilung!
Spätestens um 18:00 Uhr müssen wir wieder zurück in unserem "Hotel" sein, abgesehen von den unvermeidlichen Notfall-Schussverletzungen und Notfall-Kaiserschnitten.
Die Sonne geht auch etwa um diese Zeit unter (Aequator!), und dann ist Zeit für ein Schwätzchen in der Abenddämmerung, abgelöst von Petroleumlampenlicht, ein bisschen Hängematte, ein bisschen Lesen, ein bisschen Faulenzen. Und die OP-Statistiken wollen gemacht werden, die Stationsstatistiken, Vorbereiten von Unterricht, Nachlesen von obskurn Diagnosen (Geburtshilfe!), wobei Hassan und ich uns darauf geeinigt haben, dass wir den Statistikkram zusammen machen, weil's schneller geht, mehr Spass macht und weniger schmerzhaft ist.
Abendessen ist Nudeln (ein Erbe der italienischen Koloniezeit), Ziege/Schaf/Kamel mit Zwiebeln und grüner Paprika, rote Gemüsesauce, Omelette, und Melone/Papaya/Mango. Das erinnert Euch an unser Mittagessen? uns auch! aber nicht zu vergessen: mittags = Reis, abends = Nudeln. Damit der Tag eine Struktur hat! Der Sicherheitsbeauftragte aus Genf hat letzten Donnerstag ein grosses Glas Pesto mitgebracht, und wir haben ihn dafür zum Helden von Belet Weyne ernannt (für einen Tag, dann war das Pesto alle).
Meistens gehe ich gegen 22:00 Uhr schlafen - dann stellt der Strom der Stadt ab, und unser Generator lärmt dann zwar noch ein bisschen vor sich hin, aber irgendwie ist der Tag dann auch zu Ende.
Jeden Donnerstag kommt das Flugzeug aus Nairobi. Es bringt neue Leute, holt andere ab (Maria und Annelise verlassen uns morgen für eine Woche, um ihre rest&recreation-Zeit in Kenia am Meer zu geniessen), und bringt medizinisches Material, Olivenöl, Ersatzteile und alles, was diese Stadt nicht hergibt. Allerdings ist erstaunlich viel erhältlich hier, und unsere Hausgeister sind ziemlich effektiv darin, uns alles mögliche zu beschaffen, wenn es erst mal gelungen ist, ihnen klarzumachen, was man will.
Damit kommen wir zu Babylon. Die Hauptsprache unter uns expats ist Englisch, das wir (bis auf Maki) alle ausreichend sprechen, und französisch, wenn ich mit den Franzosen alleine rede. Mit Abdirahim spreche ich Englisch, das funktioniert gut, ausserdem sind wir ja sowieso meistens einer Meinung. Somali ist eine Katastrophe von Sprache: die Vokale scheinen ziemlich austauschbar zu sein, speziell a, ä, e und o scheint man beliebig mischen zu können. Deshalb schreiben sie sie wohl auch gerne gleich doppelt (Somaalia). Und H (Hassan) schreiben sie als X (Xassan), Abdi wird zu C/, und überhaupt scheint weglassen von Buchstaben für alle anderen logisch zu sein (Ibrhm ... Abllhi ... Mogshu ... ich lasse Euch raten). Ich gebe mir extrem Mühe, wirklich, aber über maaga'aan - wie heisst Du und subahu waanagsan - guten Morgen komme ich irgendwie nicht hinaus. Also rede ich leidlich Englisch mit den Schwestern und dem OP-Personal, bzw. Abdirahim und Hassan übersetzen, und die Patienten sprechen meistens halt ziemlich fliessend Somali. Ab und zu erwische ich jemand älteren, der einigermassen italienisch spricht, das war z.B. die Lösung mit dem Chef des health committees - und der italienische Einfluss ist auch spürbar, wenn die Patienten doctoressa sagen (das bin ich). Was soll's, das hält das Hirn beweglich!
Sonntag, 24. Juni 2007
allerdings ist es wie verhext: wenn ich zurückschreibe, hat die Verbindung die unhöfliche Tendenz zusammenzubrechen ... ausserdem braucht die gmx-Seite eine Ewigkeit, um sich aufzubauen. Es ist also einfacher, Kommentare in den weblog zu schreiben ...
ich denke übrigens immer wieder an Euch - so ausgelastet sind wir hier nun auch wieder nicht, als dass ich nicht abends beim Anblick eines riesigen afrikanischen Sternenhimmels über der Hängematte ein paar Gedanken nach Europa schicken würde!
Freitag, 22. Juni 2007
Namen
Deshalb bin ich konsequenterweise Dr. Christine, denn Dr. Maurus wäre ja der Papa ... wobei eigentlich ja auch nicht, denn Papa wäre Dr. Wolfgang. Für die Leute hier ist es absolut seltsam, dass wir einen Familiennamen haben, der von Generation zu Generation weitergegeben wird und den sogar - ungläubiges Staunen, Gelächter und mildes Kopfschütteln, die Ehefrau nach der Heirat annimmt! dann heisst sie ja plötzlich anders! wie repressiv! und wie unpraktisch!
Freitag - freier Tag?
kleiner Schönheitsfehler: das quäkende Funkgerät, das schon früh "Dr. Halane for Emergency Room" und dann einen aufgeregten Schwall Somali von sich gab, mitten in meine Morgenträume. Na ja, ich bin ja nicht Dr. Halane ... aber trotzdem fand ich, es könne eine gute Idee sein, schon mal die Dusche aufzusuchen. Und natürlich, eine halbe Stunde später: "Dr. Christine for Dr. Halane". Ich habe mir dann doch noch einen Moment für Frühstück und Haare kämmen ausgeboten (schliesslich Freitag, und da machen sich alle anderen auch schön), um dann auf einen inkarzerierten Leistenbruch zu stossen. Fein - Abdirahim mit dem Fahrer holen lassen, Hassan aus dem Bett gestöbert, den OP-Pfleger angeworfen ... und dann standen wir im OP. Dummerweise war die gesamte OP-Kleidung gerade in der Wäsche gewesen und baumelte noch tropfend an der Leine - und da es gerade fast kühl ist, war sie auch nicht so schnell zum trocknen zu bewegen. Also Strassenkleidung, Gummischürze und sterile Kleidung drüber, und ein kleines Stossgebet an die Klimaanlage. Und die inkarzerierte Hernie endete in Laparotomie und Dündarmresektion, riesiger Bauchwanddefekt, ein Fest für die Chirurgen und ein Meisterstück der Anästhesie, die uns mit Ketamin und Valium eine super Narkose hingezaubert haben!
Abdirahim und ich waren so zufrieden - haben uns gegenseitig assistiert "nähst Du den Dünndarm?" - "oder Du die eine Hälfte und ich die andere?" - und willst Du ein- oder zweischichtig?" - "und Du, willst Du mit Mucosa, oder extramucosal?" - "hä?" - "komm, ich zeig's Dir!", dabei über verschiedene Techniken diskutiert und am Ende einträchtig nebeneinander die Füsse gewaschen. Seine abschliessende Frage "warum denkst Du eigentlich immer genau das gleiche wie ich?" hat er dann gleich selber beantwortet: "weil wir gut sind!". Schöne Grüsse an Dr. Wanner - es muss doch irgendein bisher unentschlüsseltes universales Chirurgengen geben, dass einem über alle Landes- und Kulturgrenzen hinweg diese Antwort eingibt! Hassan hat sich gebogen vor Lachen! aber er hat sich ja auch nicht die Füsse dreckig gemacht ...
und nach Mittagessen und Mittagsschläfchen war es dann fast ein Klacks, noch einen grösseren Verkehrsunfall zu versorgen und dann gemütlich zu beschliessen, die Röntgenbilder erst morgen anzuschauen. Schliesslich ist unser freier Tag!
Donnerstag, 21. Juni 2007
Zeiten und Wochentage
In Somalia fängt der Freitag allerdings mit dem Ende des Donnerstag-Tags an, also bei Sonnenuntergang ... die Freitag-Nacht ist also vor dem Freitag-Tag ... herzlichen Glückwunsch! jetzt müssen wir halt die genauen Uhrzeiten und Daten festlegen, aber das sind so kleine Stolpersteine, mit denen man erst mal rechnen muss!
ein zweiter Punkt ewiger Konfusion ist die Uhrzeit. Somalia ist Euch eigentlich eine Stunde voraus, und der Tag teilt sich hier auch in 24 Stunden auf. Allerdings leben manche, vor allem ältere Somalier, unverdrossen nach einer Art lokaler Zeit, die der normalen hiesigen um weitere 6 Stunden voraus ist. Heute mussten wir einen ziemlich aufgebrachten Nomaden wieder beruhigen, der um 10:00 Uhr morgens in unserer Sprechstunde war, den wir zum Röntgen geschickt und gebeten haben, am Nachmittag um 16:00 Uhr wieder zurückzukommen. Er fand uns vollkommen trottelig, da es auf seiner Uhr ja schon 16:00 Uhr war ... (10 Uhr plus 6 Stunden = 16:00 Uhr), und er hatte ernsthafte Zweifel an den sonstigen Kenntnissen dieser Doktors, wenn die nicht mal wissen, wie spät es ist! Folglich ist es auch überhaupt nicht merkwürdig, um 4:00 Uhr morgens schlafen zu gehen, und die Sonne geht eben immer um 12:00 Uhr auf! Danke Abdirahim, er hat sich rechtszeitig an diese alte Sitte erinnert.
Ihr könnt Euch vorstellen, dass es manchmal ein kleiner Kampf ist herauszufinden, wann genau welches Medikament gegeben wurde und um wie viel Uhr der Schichtwechsel der Schwestern zur Nachtschicht wohl stattfinden wird ...
Montag, 18. Juni 2007
unser Team
zunächst Mario, unser Chef, ein Sean-Connery-artiger Mit-fünfziger Franko-Kanadier, der unsprünglich mal Informatiker ist und sein halbes Leben im Dienste der Menschheit (und des Abenteuers) mit Médecins sans Frontières zugebracht hat. Er ist hauptsächlich für unsere Sicherheit zuständig, also auch dafür, dass wir uns nur zwischen Hotel und Krankenhaus bewegen können, versucht, die administrativen Abläufe zu koordinieren, und natürlich, die Truppe bei Laune zu halten (z.B. indem er versucht, unseren Köchinnen beizubringen, wie man auf einem Kohleofen Pommes macht - so langsam wird's!). Wahrscheinlich hat er alle möglichen Konflikte, Reibereien und Zickereien schon mehr als einmal erlebt und geht entsprechend gelassen damit um, und ausserdem war er vorher schon mal für 9 Monate in Somalia, kennt also den Kontext. Allerdings bricht er sich am somalischen Morgengruss immer noch die Zunge ab ...
das Mädchen für alles ist Pierre. Der Arme muss als logistics coordinator immer dann auf den Plan treten, wenn eine Steckdose nicht funktionniert (gerne die einzige im Aufwachraum, an der die Sauerstoffkompressionsmaschine hängt), eine Wasserleitung leckt, die Klimaanlage im OP auf den Anästhesisten tropft, das Internet mal wieder hängt, das Gestänge für die Hängematte zusammenbricht - das sind reele Beispiele der letzten 10 Tage. Ich an seiner Stelle würde das Funkgerät hassen "Pierre, Pierre, Pierre for Christine", er hingegen erträgt auch absurde Verhandlungen mit dem Schreiner über den neuen Schrank, dessen Türen zu gross sind und deshalb nicht schliessen (und der Schreiner will mehr Geld, weil grössere Türen = mehr Holz = Holz ist kostbar in diesem Land und teuer). Ohne ihn würden wir wahrscheinlich nach 3 Tagen nicht mehr arbeiten können, und dementsprechend versuchen wir nach Kräften, ihn pfleglich zu behandeln. Allerdings sollte er dringend das Problem mit der nächtlichen Wasserzufuhr im Krankenhaus lösen, damit wir uns für die nächste Schussverletzung nicht wieder die Hände mit Infusionslösung waschen müssen, weil die Wasserpumpe nachts nicht funktionniert - und Pierre, wo Du gerade da bist, die Steckdose ...
Maria ist die Kinderärztin. Eine temperamentvolle, lustige Argentinierin, die mit den Schwestern um die richtige Dosierung der Ergänzungsernährung kämpft, mit der Apotheke um die richtige Medikamentendosierung, mit den Müttern um die Frage, ob der Durchfall seit 3 Tagen oder 3 Wochen besteht und mit Pierre wegen der Steckdose. Leider kämpft sie, in diesem Fall ziemlich vergeblich, auch mit ihrem somalischen Kollegen Doktor Bashir (von ihm später), der sie nicht akzeptiert. Mit ihr verstehe ich mich super, und mit ihr kann ich sowohl Patienten besprechen als auch herrlich herumalbern.
Annelise ist eine französiche Krankenschwester, ein eher ruhiger besonnener Typ, die immer überall dort ist, wo es brennt, und uns oft ziemlich stillschweigend unter die Arme greift. Sie gibt sich unendlich Mühe mit den Schwestern, von denen manche knapp lesen und schreiben können und die zum grossen Teil überhaupt keine Ausbildung haben.
Der französiche Chirurg, der noch bis Mitte der Woche hier ist, heisst ebenfalls Pierre und ist eine Mischung aus erleuchtetem Buddha und pragmatischem erfahrenem Arzt (wenn man sich das vorstellen kann). Wir arbeiten gut zusammen, er bringt mir eine Menge bei nicht nur über Arbeiten in semi-sterilem Umfeld mit limitiertem Instrumentarium, sondern auch über Sinn und Unsinn von humanitärer Hilfe. Ich bin nicht immer ganz einverstanden mit seiner leicht pessimistischen Sichtweise, aber vieles entspricht sicher der Erfahrung, und ich bin froh, dass er hier ist.
Die Hebamme heisst Maki und kommt aus Japan. Maki hat die undankbare (oder herausvordernde Aufgabe, wie man will), die Geburtsstation aus dem Boden zu stampfen. Das heisst, dass sie erst mal die einheimischen Hebammen ausbildet, mit Hilfe von Bildern, einem Baby aus einem Regenmantel und einer Handtuch-Plazenta und einem Uebersetzer, und sie ist ein wenig überfordert davon, dass ausnahmslos alle Frauen beschnitten sind und alle schwangeren Frauen, bei denen wir sie bisher dazugerufen haben, tote Babies auf die Welt gebracht haben. Aber sie hat viel Phantasie und Humor, und es wird von Tag zu Tag besser für sie.
Der Anästhesiepfleger ist Hassan und kommt aus Kenia. Vorteil Nr. 1: er versteht die Sprache. Vorteil Nr. 2: er versteht die Mentalität ("Christine, Du kannst die Leute nicht so pessimistisch aufklären. Du musst ihnen Mut machen!"). Er ist die Geduld in Person, unermüdlich hinter den Schwestern und den Verordnungen her, ein hervorragender Partner zum Diskutieren, manchmal ziemlich verträumt, aber bisher immer dann aufgewacht, wenn es dringend wurde. Und er macht hervorragende Narkosen. Ausnahme: sein Mittagsschlaf ist heilig. Das wiederum stört mich überhaupt nicht :-)
Der OP-Pfleger und Antreiber hinter allem und jedem ist Sakata, ebenfalls aus Kenia, schon ein bisschen älter und mit allen Wassern gewaschen. Er ist nicht die Geduld in Person, und wehe, einer der somalischen OP-Pfleger verwechselt mal wieder Schere mit Klemme! Mich hat er Gott sei Dank ins Herz geschlossen, schnipselt mir Obstalat jeden Abend und ist wirklich immer zur Stelle, wo man ihn braucht: zum Uebersetzen, mit dem Apothekenschlüssel für Antibiotika mitten in der Nacht, mit der schriftlichen Operationseinwilligung, und eben dem Obstsalat (er ist davon überzeugt, dass Papaya gegen jedes Leiden der Welt hilft, und mein Einwand, dass ich keine Papaya mag, wurde mit abfälligem Schnauben abgetan. ok, dann mag ich eben Papaya).
und schliesslich Fatuma, ebenfalls kenianische Laborantin. Sie entspricht vollständig dem Bild einer afrikanischen Mama: kugelrund, gemütlich, platzt nicht gerade vor Engagement, aber lieb, und sie findet immer, wirklich immer, etwas zum Lachen. Und ich war verdammt froh um sie, als ich die erste Patientin mit selbstinduzierter Abtreibung gesehen habe ...
und dann gibt es noch 3 somalische Aerzte, die im Krankenhaus arbeiten:
Mein "Zwilling" ist Abdirahim. Er ist Mitte 40, eigentlich OP-Pfleger, arbeitet aber seit ungefähr 15 Jahren als Chirurg. und ich muss sagen, ich bin schwer beeindruckt: seine anatomischen Kenntnisse sind enorm, er ist ein hervorragender Operateur, er hat, weiss der Geier woher, ein ziemliches medizinisches Wissen, und er geht sehr respektvoll mit den Patienten um. Zwilling ist eigentlich der falsche Ausdruck, denn für mich ist er ein exzellenter Lehrmeister. Nicht nur, was spezielle tropische Probleme angeht oder Schussverletzungen (er hat jahrelang mit dem Internationalen Roten Kreuz in Mogadischu gearbeitet), ich lerne auch von ihm, wenn wir Hernien oder Hydrocelen operieren. Erstaunlicherweise hat er mich vom ersten Tag an akzeptiert, wir assistieren uns gegenseitig (und können sehr gut miteinander operieren), wir diskutieren jeden Patienten miteinander und er ist sehr offen, wenn es um die Entscheidung für das eine oder das andere Behandlungsschema geht. Ich hätte es wohl nicht besser treffen können - ihm allerdings würde ich jemanden mit Spezialkenntnissen in plastischer Chirurgie oder endokriner Chirurgie wünschen, wo ich ihm leider nur begrenzt weiterhelfen kann. Sein einziges Problem ist, dass er eben formal kein Arzt ist, und das lassen ihn die beiden anderen immer wieder deutlich spüren. Also versuche ich nach Kräften, seine Position zu stärken, entscheide nichts ohne Rücksprache mit ihm, und er ist klug genug, in solchen Momenten sehr bescheiden aufzutreten. Insgesamt versuchen wir einfach, als "das chirurgische Team" aufzutreten, und meistens nehmen wir noch Hassan dazu.
Die beiden anderen, das sind Dr. Halane und Dr. Bashir (der Pädiater, Marias Zwilling). Dr. Halane war schon der Krankenhausdirektor, als das Krankenhaus irgendwann zu Beginn der 80-er Jahre noch funktionniert hat. Seine medizinischen Kenntnisse sind ok, auch wenn er uns ab und zu Patienten mit "Beinzittern" in die chirurgische Sprechstunde schickt oder mit Verdacht auf perforierte Appendizitis, wenn sie Bauchweh haben eine Woche nach Geburt. Ich bin gespannt, ob ich es mal erleben werde, dass Dr. Halane einen Patienten selber anfasst ... . Mit mir ist er allerdings sehr freundlich, insgesamt der Typ Verwaltungs-Politiker, also trinke ich ab und zu Tee mit ihm (und Abdirahim, das "chirurgische Team" gibt's nur als Team) und versuche ansonsten, ihn seine Wege gehen zu lassen.
Dr. Bashir ist ein Spezialfall. Er sieht aus wie aus einem schlechten Comic mit seiner Sonnenbrille über den Augenbrauen und der Zigarette in der Hand, und riecht auch so wie aus einem schlechten Comic, wahrscheinlich werde ich irgendwann an seinem After Shafe kleben bleiben. Offenbar hat er in Russland Medizin studiert, ich möchte besser nicht wissen, was er dort wirklich gemacht hat und auch nicht, ob er überhaupt Russisch spricht. Seine Diagnosen sind irgendwo zwischen wirr und komisch, seine Medikamentendosierungen phantasievoll und seine Arbeitsmoral - na ja, es führen sicher viele Wege nach Rom. Eigentlich ist er für die Notaufnahme zuständig (einer der häufigsten Funksprüche neben "Pierre, das Licht geht nicht", ist "Dr. Bashir, Dr. Bashir for Emergency Room"), nebenbei macht er Privatsprechstunde, und das bedeutet in beiden Fällen, dass Patienten, die unhöflicherweise kompliziert sind oder gerade ungelegen kommen, als chirurgisch deklariert werden (oder pädiatrisch, wenn sie unter der Türklinke durchpassen). Na ja, er ist freundlich und ärgert mich nicht, also trinke ich auch ab und zu Tee mit ihm (selten, wegen des After Shaves und weil er nicht mit Abdirahim Tee trinken will genausowenig wie mit allem anderen niederen Volk).
Die Oberschwester heisst Ahmed und war schon Oberschwester (Oberpfleger?), als das Krankenhaus noch funktionierte. Er ist nebenbei Imam an einer der örtlichen Moscheen, hat 4 Frauen und 18 Kinder, eine Menge Humor (den braucht man wahrscheinlich auch mit 4 Frauen und 18 Kindern ...), und erstaunlicherweise kommen wir perfekt miteinander aus. Er findet zwar, ich sei zu weich mit den Schwestern, ist aber hochzufrieden damit, wie ich mich um die chirurgische Station kümmere, unterstützt uns in allem und ist als Autorität der Stadt und seiner Gemeinde eine echte Hilfe, wenn es zum Beispiel darum geht, eine Patienten wieder aufzutreiben, der bei der blossen Erwähnung einer möglichen Amputation auf dem gesunden Bein aus dem Krankenhaus geflüchtet ist oder wenn ein Patient, der wegen eines Verkehrsunfalls auf dem Weg von Addis Abeba nach Mogadischo (wir liegen an der Hauptverkehrsstasse) bei uns gelandet ist, tagelang im Hof campiert, weil er kein Geld hat für die Fahrkarte zur Weiterfahrt.
Alles in allem also eine Menge Leute, mit denen es sich gut arbeiten lässt - besser als in manchen Teams des vergangenen Jahres!
Sonntag, 17. Juni 2007
was für ein Tag
es wird Zeit, dass ich Euch ein bisschen von meinem Team hier erzähle - aber gleich stellt der Generator ab ...
Freitag, 15. Juni 2007
Roland Garros
Ausgangssperre. Die ganze Stadt ist nervös, ethiopische Soldaten alle 100 m, der Markt vollständig verlassen, sogar der todesmutige Hahn, der mich morgens weckt und der ein ziemliches Risiko eingeht, bald im Ganzen in einem Kochtopf weiterzukrähen (und das würde er wahrscheinlich sogar noch tun, nachdem wir ihn gegessen haben), ist ziemlich still geworden.
Der somalische Premierminister ist im Anmarsch, keiner weiss genau, weshalb, die Gerüchte fliegen schneller als der Wind. Da wir nicht ins Kreuzfeuer greaten wollen, bleiben wir im Haus und lösen die dringensten Probleme im Krankenhaus per Funk.
Nebeneffekt: mit der Satelitenschüssel für das Telephon lässt sich auch Satelitenfernsehen empfangen, und wir können das Endspiel der French Open anschauen, jedenfalls wenn der Premierminister solange bleibt.
Mein neues Zuhause
Es ist ein altes Hotel an der Haupt- und Marktstrasse. Altes Gemäuer, vor den Fenstern diese durchlöcherten Steinverziehrungen, die gleichzeitig Schatten machen und den Blick von aussen versperren. Am Tor stehen 2 Wachleute, und bevor sie das Tor aufmachen, laden sie ihre Gewehre durch – hässliches Geräusch. Im Erdgeschoss ist die Kommunikationslogistik (und Inshallah, die Land-Internetverbindung sollte demnächst wieder in Gang kommen) und die Büros. Wir sind gar nicht so schlecht ausgestattet, einige Laptops, ein Kopierer, Drucker, das Satelitentelephon, und, Mama: sogar mehrere Locher.
Im ersten Stock unsere Zimmer, ausreichend gross, ausreichend komfortabel, Dusche/Toiletten zusammen, Ventilatoren an der Decke. Mit meinem kleinen Faible für Kitsch ist es sogar charmant, dass sie zu lindgrünem Wandanstrich pink-orange Vorhänge kombiniert haben.
Im zweiten Stock die Küche, ein grosser Gemeinschaftsraum und eine schattige Dachterasse mit Hängematte. Palmen vor der Nase, ein unglaublicher Sternenhimmel abends, Abendessen draussen im Licht von Petroleumlampen, kaum Mücken, zwei, drei kleine Ameisen – wenn nicht das hässliche Geräusch beim Oeffnen des Tores wäre, fast ein Ferienparadis.
Abflug nach Somalia
So absurd das aus der Entfernung klingt, am Flughafen von Nairobi wundert sich keiner, wenn man “das Flugzeug” – “welches hätten Sie denn gerne?” nach Somalia sucht. Unseres war eine kleine Cesna, 12 Plätze, unerschrockener britischer Pilot in den Fünfzigern, der einmal pro Woche die Tour macht zwischen den MSF-Projekten in Somalia.
Um es kurz zu machen, Lothar: nicht nur die Landepiste in Belet Weyne hat Grasbüschel und Löcher, alle anderen auch. Kommentar des Piloten: “ui, nach den Ueberschwemmungen im Dezember war viel viel mehr Grünzeug da!”. Komischerweise war es trotzdem ein gemütlicher, angenehmer Flug!
Nairobi
Das war wahrscheinlich der angenehmste Flug, den ich jemals hatte: 2 Sitze, 3 Zeitschriften, und ein Stewardessenteam, das mit aller Macht an die vergangene Sevice-Glanz und Gloria Zeiten der Swissair anknüpfen wollte.
Vier Arten von Passagieren: 1. dunkler Anzug, eventuell ohne Kravatte : Weltbank oder höhere UN. 2. komischer Anzug, Köfferchen, mit jedem und allem schwatzend: Geschäftsleute. 3. Rucksack und 3-Tagebart: auf dem Weg auf den Kilimandscharo. Wenn grauhaarig, dann sicher mit vieltaschiger Tropenweste und “ich fang den Tiger”-Blick. Und 4. Leinenhose, Hemd, evt. Jacket (hell!), je alter, desdo weniger Gepäck (schliesslich ist man weltgewandt und weiss auch in Nairobi, wo man eine Zahnbürste herbekommt. Im Gegensatz zu mir, die in Genf am Flughafen einen mitleidigen Blick geerntet hat, als ich meinen Koffer ächzend auf das Gepäckband gehieft habe. Einmal Hervorkruschteln der MSF Mission Order allerdings: und wie durch Zauberhand durfte das ganze Zeug passieren.): Unicef, Welternährungsorganisation, NGO’s.
Der MSF-Fahrer stand direkt vor meiner Nase, als ich aus der Zollkontrolle kam, ausgerüstet mit grossem Schild, Wasserflasche (“Durst?”) und Kenianischen Schilling für mich (“Hunger?”) – und zumindest die Wasserflasche war eine gute Idee für die folgende staubige Stunde rush hour durch Nairobi.
Zum Abendessen sind wir dann, um den Kulturschock zu vervollständigen, indisch essen gegangen. Das ist nicht so absurd, wie es klingt, es gibt eine Menge Inder in Kenia, sogar Gandhi war mal dort. Und ich hatte das dunkle Gefühl, dass ich noch genug Kamel zu essen bekommen würde … . Also noch ein letztes Bier und letzte Informationen in einem dieser weltweit existierenden internationalen Kneipen.
Dienstag, 5. Juni 2007
Genf
Es gab viele interessante Informationen: über MSF allgemein, das Projekt, mein Vertrag, die Versicherungen. Es war auch gut, dem Projektverantwortlichen (ein Holländer) einmal die Hand zu schütteln. Er ist der jenige, der milde Sommerabende am Genfer See eintauschen muss gegen hektische Telephonate im stickigen Büro, falls mir etwas passiert. Und er hat auch nochmal die Sicherheitsregeln festgelegt: keine Spaziergänge, und die Strecke zwischen Krankenhaus und Wohnhaus (150 m) wird im Auto mit Begleitschutz zurückgelegt.
eine fast unglaubliche Begebenheit: alle Dokumente da! nicht ein einziges Stück Papier, Photo oder sonst was musste in Panik aus dem Nichts gezaubert werden.
Impfungen
auf den post-Party-Kater haben sie allerdings dankenswerter Weise bisher verzichtet, vielleicht als Dank dafür, dass ich nicht schon beim Anblick der vielen Spritzen ohnmächtig geworden bin.
Postadresse
Medecins Sans Frontieres
Christine Maurus, Somalia Mission
78, Rue de Lausanne
1002 Geneva
Switzerland
der weitere Transport ist dann ein bisschen unkalkulierbar, d.h. es gibt eine Art Postabstellkammer, wo jeder, der von hier abfliegt, vorbeigehen muss, um die entsprechenden Fächer zu leeren und den Inhalt bis zur nàchsten Postabstellkammer weiterzutransportieren. Ich weiss nicht, wie weit da Pferde- oder Kamelrücken involviert werden ...
Freitag, 1. Juni 2007
Wetter
http://wetter.msn.com/local.aspx?wealocations=wc:6783568
Mittwoch, 30. Mai 2007
Himmel, ich bin nicht gut in sowas! gut, kommt Mami morgen abend. allerdings ist sie auch nicht gerade der Administrationsprofi, aber sonst ist auf Deine Ideen immer Verlass, Mama!
Montag, 28. Mai 2007
Ende Mai
viel mehr beschäftigt mich im Moment die Packfrage. soll ich wirklich 10 kg Bücher "für alle Fälle" mitschleppen? und wieviel Haarschampoo braucht man für 3 Monate? und wie viele T-Shirts? brauche ich 4 Paar Schuhe? ein komisches Gefühl, eine komplette 12-Wochen Autonomie in den Koffer zu packen, und andererseits ist es wirklich schwer vorstellbar, dass es immer noch Flecken auf der Welt gibt, wo es die typischen "und sonst kaufen wir das halt dort"-Dinge möglicherweise wirklich nicht gibt. Es fühlt sich stressig an, diesmal wirklich nichts vergessen zu dürfen.
Donnerstag, 24. Mai 2007
Anfang
jetzt wird es langsam konkret mit meinem Ausflug aus der "Spitzenmedizin" nach Afrika. Médecins sans Frontières hat mir Somalia angeboten, der Zeitraum passt, und ich habe angenommen.
im Moment bin ich voller Abenteuerlust - und gleichzeitig völlig ahnungslos darüber, was mich dort wirklich erwartet. Zur Sicherheit habe ich mir mal einen Strohhut gekauft, und das Schuhproblem ist auch gelöst. Die WHO-Guidelines "Surgical Care in a District Hospital" liegen als beruhigender, wiewohl noch zur Hälfte ungelesener Stapel vor mir, die MSF-"Clinical Guidelines" sind allerdings noch eine Lose-Blatt-Sammlung.
Aber es ist gut, jetzt wenigstens ein konkretes Land, ein mehr oder weniger konkretes Projekt vor Augen zu haben, wobei ich mal vorsichtshalber nicht davon ausgehe, dass sich jetzt über Pfingsten irgendwelche Dinge zwischen Visum, Flugdaten, Impfungen und "muss ich einen Schlafsack mitnehmen" konkretisieren werden.
ich bin gespannt!
