Mittwoch, 27. Juni 2007

ein normaler Tagesablauf

ich habe uch noch gar nicht berichtet, wie ein normaler Tag hier so abläuft, also:

morgens weckt mich der Muezzin um 4:30 Uhr. Das ist wunderbar, denn das fühlt sich auf eine Art an wie an einem Sonntag morgen zu Hause. Man wird kurz wach und realisiert, dass man sich nochmal in aller Ruhe auf die andere Seite drehen und weiterschlafen kann. Gegen 6:00 Uhr wird es hell, was die Hähne der Nachbarschaft auf den Plan ruft. Diese Biester gehören in den Kochtopf! ich verstehe nicht, wie diese mageren staubigen Federspirindel so einen Lärm machen können und vor allem so ausdauernd! das weckt auch unsere Wachen, und da die direkt unter meinem Fenster schlafen, wecken sie mich auch, zusammen mit den Hähnen. Ich brauche also keinen Wecker, was insofern gut ist, dass mein Reisewecker pro Tag ca. eine Stunde nachgeht, der Trödler.

Dann Dusche (kalt) im Halbdunkel (weil noch kein Stom), und dann geniesse ich es jeden Morgen ungeheuer, als erste auf der Dachterasse zu sein, mit einer Tasse heissen Tee (Kaffee hier ist Nescafé, also halte ich mich an den Tee, süss mit viel Milch), dem Licht des Sonnenaufgangs und den Geräuschen einer aufwachenden Stadt. Zum Frühstück gibt es eine Art matschiges Weissbrot, und unsere Köchinnen machen morgens Rührei oder Omelette, das man prima in das Brot stopfen kann. Es wird schwer werden, mir diese morgendliche Trödelzeit wieder abzugewöhnen!

Um 7:30 Uhr brechen wir ins Krankenhaus auf, immer mit Hassan, meistens mit Fatuma, und mit denen, die sonst schon fertig sind und noch ins Auto passen. Das Auto ist ein Pick-up mit Rücksitz, und unser Rekord liegt bei 7 Leuten drin. Hinten drauf sind seitlich Bänke montiert, die für unsere zwei bewaffneten Begleiter sind. Nach knapp 5 Minuten Gerumpel über die Staubstrasse, an Eselskarren und Markständen und Läden für alles sind wir im Krankenhaus.

Je nach dem ist Abdirahim schon da oder kommt noch (er wird ebenfalls mit Auto und Begleitschutz zu Hause abgeholt). Dann machen wir uns auf den Weg für die Visite. Erst Aufwachraum, der gleichzeitig Intensivstation ist, d.h.: 4 Betten, ein Sauerstoffkompressionsgerät (d.h. das Gerät komprimiert den Luftsauerstoff auf max. 50%) und halbwegs kompetente Pflege. Hier hat auch Maria manchmal Kinder mit schwerer Lungenentzündung. Dann die chirurgische Männerstation (23 Betten), wo es schon kritischer wird mit Fragen wie "wie ist der Blutdruck" oder Problemen wie "Doctoressa, der Patient hat Fieber" - "wie hoch?" - "weiss nicht, hab nicht gemessen" - "woher weisst Du dann, dass der Patient Fieber hat?" - grosse Augen, leicht beleidigte Mundwinkel "das hat mir der Patient selber gesagt!". ok, Thermometer holen, warten, und dann lachen über "aber eben hat er ganz sicher noch ganz hohes Fieber gehabt!". Die Visite machen also Abdirahim, Hassan, die Schwester und ich, zusammen mit einer undefinierten Menge an "interessierten Personen", z.B. Anästhesiepfleger, OP-Personal, andere Schwestern, besorgte Angehörige, Ahmed, grlangweilte andere Patienten ... aber da die Station sowieso ein einziger grosser Saal ist, kommt es darauf auch nicht an, und die Privatsphäre ist ohnehin ziemlich limitiert. Danach gehen wir auf die Pädiatrie gleich um die Ecke, nächster grosser Saal, wo wir, mehr aus Platzgründen, die cirurgischen Kinder untergebracht haben. Danach gehen wir auf die Wochenbettstation, die wir kurzerhand in die chirurgische Frauenstation umfunktioniert haben, da Frauen nach der Geburt hier in der Regel nach Hause gehen und wir a) die Betten brauchen und b) die Schwestern beschäftigt halten wollen (was die nicht immer so toll finden). Aber letztlich ist das Chirurgenteam auch für die Schwangeren zuständig, und meine Kenntnisse in Geburtshilfe verdoppeln sich täglich, zur Begeisterung von Abdirahim, selber Vater von 5 Kindern, der sich totlacht darüber, dass offenbar Chirurgen in Europa keine Geburtshilfe machen (und Frauen nicht automatisch alles darüber wissen, was es so zu wisen gibt). Hier kommt auch Maki mit, unsere japanische Hebamme, die noch ein bisschen schwimmt in diesem leichten Durcheinander.

Erstaunlicherweise schaffen wir diese Visite in der Regel in 1-2 Stunden, und dann gehen wir in den OP. Wir planen in der Regel nicht mehr als 2 elektive Eingriffe pro Tag, und dann kommen immer noch zwischen 1 und xxx Notfälle hinzu, wir werden also entweder zwischendurch in die Notaufnahme gerufen, oder die Patienten lungern vor dem OP herum und greifen sich den erstbesten, der einen Zeh aus der Türe streckt, um ihm einen Zettel oder ein gruseliges Bein unter die Nase zu halten. Am Anfang dachte ich, ich werde wahnsinnig in dem Chaos, aber einmal drin, ist das ein erstaunlich flexibles System und funktioniert gut. So oder so geht um 12:30 Uhr der Strom aus, und dann muss irgendjemand den Generatortyp auftreiben gehen, der es aus unerfindlichen Gründen nicht schafft, kurz vorher selber vorbeizukommen, um zu fragen, ob wir vielleicht Licht brauchen ...

Normalerweise sind wir zwischen 12 und 2 fertig im OP, und dann kommt die geheiligte Mittagspause: Abdirahim nach Hause auf die andere Seite des Flusses, wir zurück in unser "Hotel", es gibt Reis, gebratene Ziege (Schaf, Kamel, je nach Markt) mit Zwiebeln und grüner Paprika, eine Art rote Gemüsesauce (Suppe?), Pommes Frites, gebratene Leber mit Zwiebeln und grüner Paprika (die ich nicht anrühre), und Melonen/Papaya/Mango. Danach - Mittagsschläfchen!

um 16:00 Uhr fahren wir wieder zurück ins Krankenhaus, machen Problemvisite (die irgendwie nicht so spannend zu sein scheint, jedenfalls werden wir von deutlich weniger Leuten begleitet als morgens, auch die Schwestern finden's eher lästig), schauen nach den frisch operierten vom Morgen, und manchmal, je nach Notfällen und Vormittagsprogramm, gehen wir nochmal in den OP. Auf jeden Fall trinken Abdirahim, Hassan und ich Tee unter den Bäumen im Garten, lassen den Tag Revue passieren und plaudern, oft zusammen mit dem OP-Team, Schwestern und den besorgten Patienten, die die Problemvisite verpasst haben, weil sie ihrerseits gerade Mittagsschläfchen im Garten gehalten haben.

Montags und Donnerstag ist Sprechstunde. Sprechstunde ist ja nie und nirgens die Lieblingsbeschäftigung von Chirurgen, aber hier ist es die Hölle. Abdirahim und ich quetschen uns hinter den Schreibtisch, Hassan daneben, ein OP-Pfleger irgenwie auch daneben, und eine weitere Schwester macht eine Liste der ca. 100'000 Leute, die vor dem Fenster im Garten sitzen. Wir schaffen knapp 10 Patienten pro Stunde, füllen unsere Operationswarteliste, verschreiben Medikamente, und ich werde das Gefühl nicht los, dass wir so eine Art Mülleimer des Krankenhauses sind: wann immer Dr. Halane oder Dr. Bashir nicht weiterwissen - schwupps - surgical consults. Abdirahim und ich haben eine heimliche top ten-Liste der sinnlosesten Konsultationen erstellt, einsam an der Spitze: "Bewusstlosigkeit". Als die Schwester mit diesem Triagezettel erschien, haben wir den Patient sofort vorgezogen, Schwester wieder vor die Türe geschickt ... nicht passierte. Nach einer Ewigkeit kam die Schwester wieder, der Patient sei nicht auffindbar, aber sein Bruder sagte, er sei gerade auf die Toilette gegangen (gegangen? bewusstlos?) und käme sicher gleich zurück. Das nennt man Wunderheilung!

Spätestens um 18:00 Uhr müssen wir wieder zurück in unserem "Hotel" sein, abgesehen von den unvermeidlichen Notfall-Schussverletzungen und Notfall-Kaiserschnitten.

Die Sonne geht auch etwa um diese Zeit unter (Aequator!), und dann ist Zeit für ein Schwätzchen in der Abenddämmerung, abgelöst von Petroleumlampenlicht, ein bisschen Hängematte, ein bisschen Lesen, ein bisschen Faulenzen. Und die OP-Statistiken wollen gemacht werden, die Stationsstatistiken, Vorbereiten von Unterricht, Nachlesen von obskurn Diagnosen (Geburtshilfe!), wobei Hassan und ich uns darauf geeinigt haben, dass wir den Statistikkram zusammen machen, weil's schneller geht, mehr Spass macht und weniger schmerzhaft ist.

Abendessen ist Nudeln (ein Erbe der italienischen Koloniezeit), Ziege/Schaf/Kamel mit Zwiebeln und grüner Paprika, rote Gemüsesauce, Omelette, und Melone/Papaya/Mango. Das erinnert Euch an unser Mittagessen? uns auch! aber nicht zu vergessen: mittags = Reis, abends = Nudeln. Damit der Tag eine Struktur hat! Der Sicherheitsbeauftragte aus Genf hat letzten Donnerstag ein grosses Glas Pesto mitgebracht, und wir haben ihn dafür zum Helden von Belet Weyne ernannt (für einen Tag, dann war das Pesto alle).

Meistens gehe ich gegen 22:00 Uhr schlafen - dann stellt der Strom der Stadt ab, und unser Generator lärmt dann zwar noch ein bisschen vor sich hin, aber irgendwie ist der Tag dann auch zu Ende.

Jeden Donnerstag kommt das Flugzeug aus Nairobi. Es bringt neue Leute, holt andere ab (Maria und Annelise verlassen uns morgen für eine Woche, um ihre rest&recreation-Zeit in Kenia am Meer zu geniessen), und bringt medizinisches Material, Olivenöl, Ersatzteile und alles, was diese Stadt nicht hergibt. Allerdings ist erstaunlich viel erhältlich hier, und unsere Hausgeister sind ziemlich effektiv darin, uns alles mögliche zu beschaffen, wenn es erst mal gelungen ist, ihnen klarzumachen, was man will.

Damit kommen wir zu Babylon. Die Hauptsprache unter uns expats ist Englisch, das wir (bis auf Maki) alle ausreichend sprechen, und französisch, wenn ich mit den Franzosen alleine rede. Mit Abdirahim spreche ich Englisch, das funktioniert gut, ausserdem sind wir ja sowieso meistens einer Meinung. Somali ist eine Katastrophe von Sprache: die Vokale scheinen ziemlich austauschbar zu sein, speziell a, ä, e und o scheint man beliebig mischen zu können. Deshalb schreiben sie sie wohl auch gerne gleich doppelt (Somaalia). Und H (Hassan) schreiben sie als X (Xassan), Abdi wird zu C/, und überhaupt scheint weglassen von Buchstaben für alle anderen logisch zu sein (Ibrhm ... Abllhi ... Mogshu ... ich lasse Euch raten). Ich gebe mir extrem Mühe, wirklich, aber über maaga'aan - wie heisst Du und subahu waanagsan - guten Morgen komme ich irgendwie nicht hinaus. Also rede ich leidlich Englisch mit den Schwestern und dem OP-Personal, bzw. Abdirahim und Hassan übersetzen, und die Patienten sprechen meistens halt ziemlich fliessend Somali. Ab und zu erwische ich jemand älteren, der einigermassen italienisch spricht, das war z.B. die Lösung mit dem Chef des health committees - und der italienische Einfluss ist auch spürbar, wenn die Patienten doctoressa sagen (das bin ich). Was soll's, das hält das Hirn beweglich!

3 Kommentare:

CuWMaurus hat gesagt…

Liebe Christine, lieber Spatz, sehr herzlichen vielen Dank für den Einblick in Deinen Alltag, der sich für Dich nach nun 14 Tagen schon recht strukturiert anhört.
Trotzdem schlägt unser Herz jedesmal nochmals schneller, wenn wir an Dich denken, so schnell kann man gar nicht herumsausen. Tja, so ists. Papa hat versucht , Dir einen Kommentar zu schicken, doch scheint der auf dem Weg über die Alpen stecken geblieben zu sein. Hier ist inzwischen der Winter mit Sturm und Brausen eingekehrt, so dass wir in St.Peter nach dem rechten schauen werden. Noch steht der große Lindenbaum und die Bauschilder von der Promenade stehen wohl auch noch nicht in den Dünen, mal sehen, was wir vorfinden. Ansonsten läuft der Alltag hier seinen gewohnten, nun allmählich in die Sommerpause mündenden Gang, es wird Juli und dann sind es noch 6 Wochen, bis wir Dich wieder in unsere Arme nehmen können. Bleib weiterhin gesund, sei sehr gut beschützt und fest und sehr lieb umarmt von Papa und Mami

CuWMaurus hat gesagt…

Nochmals ein großes dickes Bussi,
Moritz schmilzt, es ist dort nachts noch 28-29 Grad Celsius, tags entsprechend heißer und feucht und englisch ist eine Fremdsprache. Alle scheinen aber sehr bemüht und freundlich, ihm das Einleben zu ermöglichen. Die Wohnungssuche nähert sich einem möglichen Kompromiss, alles weitere werden wir wohl kommende Woche erfahren, augenblicklich geht es nur über sms.

CuWMaurus hat gesagt…

Guten Abend, liebe Christine,
Dein freier Tag hat hoffentlich schon begonnen und mit einer besonderen Würze aus dem Versorgungsflieger des Donnerstag beginnt nun Deine 3 Woche. Du merkst, wir zählen ... heute ist hier kühles, fast herbstliches Wetter, der Alltag mit all seinen kleinen und größeren "Dönchens" liegt bald hinter uns, alles im Maße des dahinfließenden Rheins. Heute haben wir ein kleines Päckchen für Dich auf die Post gebracht, neugierig, ob es Dich erreicht oder nach Deiner Rückkehr auf Dich wartet.Wir haben Dich sehr lieb, schließen Dich ganz fest in die Arme, sei sehr gut beschützt und gegrüßt von
Mami und Papa, den ich jetzt gleich vom Flieger abhole.