Montag, 18. Juni 2007

unser Team

Wir sind eine ziemlich grosse Gruppe von "expats" hier, insgesamt 10, die zusammen in unserem "Hotel" leben:

zunächst Mario, unser Chef, ein Sean-Connery-artiger Mit-fünfziger Franko-Kanadier, der unsprünglich mal Informatiker ist und sein halbes Leben im Dienste der Menschheit (und des Abenteuers) mit Médecins sans Frontières zugebracht hat. Er ist hauptsächlich für unsere Sicherheit zuständig, also auch dafür, dass wir uns nur zwischen Hotel und Krankenhaus bewegen können, versucht, die administrativen Abläufe zu koordinieren, und natürlich, die Truppe bei Laune zu halten (z.B. indem er versucht, unseren Köchinnen beizubringen, wie man auf einem Kohleofen Pommes macht - so langsam wird's!). Wahrscheinlich hat er alle möglichen Konflikte, Reibereien und Zickereien schon mehr als einmal erlebt und geht entsprechend gelassen damit um, und ausserdem war er vorher schon mal für 9 Monate in Somalia, kennt also den Kontext. Allerdings bricht er sich am somalischen Morgengruss immer noch die Zunge ab ...

das Mädchen für alles ist Pierre. Der Arme muss als logistics coordinator immer dann auf den Plan treten, wenn eine Steckdose nicht funktionniert (gerne die einzige im Aufwachraum, an der die Sauerstoffkompressionsmaschine hängt), eine Wasserleitung leckt, die Klimaanlage im OP auf den Anästhesisten tropft, das Internet mal wieder hängt, das Gestänge für die Hängematte zusammenbricht - das sind reele Beispiele der letzten 10 Tage. Ich an seiner Stelle würde das Funkgerät hassen "Pierre, Pierre, Pierre for Christine", er hingegen erträgt auch absurde Verhandlungen mit dem Schreiner über den neuen Schrank, dessen Türen zu gross sind und deshalb nicht schliessen (und der Schreiner will mehr Geld, weil grössere Türen = mehr Holz = Holz ist kostbar in diesem Land und teuer). Ohne ihn würden wir wahrscheinlich nach 3 Tagen nicht mehr arbeiten können, und dementsprechend versuchen wir nach Kräften, ihn pfleglich zu behandeln. Allerdings sollte er dringend das Problem mit der nächtlichen Wasserzufuhr im Krankenhaus lösen, damit wir uns für die nächste Schussverletzung nicht wieder die Hände mit Infusionslösung waschen müssen, weil die Wasserpumpe nachts nicht funktionniert - und Pierre, wo Du gerade da bist, die Steckdose ...

Maria ist die Kinderärztin. Eine temperamentvolle, lustige Argentinierin, die mit den Schwestern um die richtige Dosierung der Ergänzungsernährung kämpft, mit der Apotheke um die richtige Medikamentendosierung, mit den Müttern um die Frage, ob der Durchfall seit 3 Tagen oder 3 Wochen besteht und mit Pierre wegen der Steckdose. Leider kämpft sie, in diesem Fall ziemlich vergeblich, auch mit ihrem somalischen Kollegen Doktor Bashir (von ihm später), der sie nicht akzeptiert. Mit ihr verstehe ich mich super, und mit ihr kann ich sowohl Patienten besprechen als auch herrlich herumalbern.

Annelise ist eine französiche Krankenschwester, ein eher ruhiger besonnener Typ, die immer überall dort ist, wo es brennt, und uns oft ziemlich stillschweigend unter die Arme greift. Sie gibt sich unendlich Mühe mit den Schwestern, von denen manche knapp lesen und schreiben können und die zum grossen Teil überhaupt keine Ausbildung haben.

Der französiche Chirurg, der noch bis Mitte der Woche hier ist, heisst ebenfalls Pierre und ist eine Mischung aus erleuchtetem Buddha und pragmatischem erfahrenem Arzt (wenn man sich das vorstellen kann). Wir arbeiten gut zusammen, er bringt mir eine Menge bei nicht nur über Arbeiten in semi-sterilem Umfeld mit limitiertem Instrumentarium, sondern auch über Sinn und Unsinn von humanitärer Hilfe. Ich bin nicht immer ganz einverstanden mit seiner leicht pessimistischen Sichtweise, aber vieles entspricht sicher der Erfahrung, und ich bin froh, dass er hier ist.

Die Hebamme heisst Maki und kommt aus Japan. Maki hat die undankbare (oder herausvordernde Aufgabe, wie man will), die Geburtsstation aus dem Boden zu stampfen. Das heisst, dass sie erst mal die einheimischen Hebammen ausbildet, mit Hilfe von Bildern, einem Baby aus einem Regenmantel und einer Handtuch-Plazenta und einem Uebersetzer, und sie ist ein wenig überfordert davon, dass ausnahmslos alle Frauen beschnitten sind und alle schwangeren Frauen, bei denen wir sie bisher dazugerufen haben, tote Babies auf die Welt gebracht haben. Aber sie hat viel Phantasie und Humor, und es wird von Tag zu Tag besser für sie.

Der Anästhesiepfleger ist Hassan und kommt aus Kenia. Vorteil Nr. 1: er versteht die Sprache. Vorteil Nr. 2: er versteht die Mentalität ("Christine, Du kannst die Leute nicht so pessimistisch aufklären. Du musst ihnen Mut machen!"). Er ist die Geduld in Person, unermüdlich hinter den Schwestern und den Verordnungen her, ein hervorragender Partner zum Diskutieren, manchmal ziemlich verträumt, aber bisher immer dann aufgewacht, wenn es dringend wurde. Und er macht hervorragende Narkosen. Ausnahme: sein Mittagsschlaf ist heilig. Das wiederum stört mich überhaupt nicht :-)

Der OP-Pfleger und Antreiber hinter allem und jedem ist Sakata, ebenfalls aus Kenia, schon ein bisschen älter und mit allen Wassern gewaschen. Er ist nicht die Geduld in Person, und wehe, einer der somalischen OP-Pfleger verwechselt mal wieder Schere mit Klemme! Mich hat er Gott sei Dank ins Herz geschlossen, schnipselt mir Obstalat jeden Abend und ist wirklich immer zur Stelle, wo man ihn braucht: zum Uebersetzen, mit dem Apothekenschlüssel für Antibiotika mitten in der Nacht, mit der schriftlichen Operationseinwilligung, und eben dem Obstsalat (er ist davon überzeugt, dass Papaya gegen jedes Leiden der Welt hilft, und mein Einwand, dass ich keine Papaya mag, wurde mit abfälligem Schnauben abgetan. ok, dann mag ich eben Papaya).

und schliesslich Fatuma, ebenfalls kenianische Laborantin. Sie entspricht vollständig dem Bild einer afrikanischen Mama: kugelrund, gemütlich, platzt nicht gerade vor Engagement, aber lieb, und sie findet immer, wirklich immer, etwas zum Lachen. Und ich war verdammt froh um sie, als ich die erste Patientin mit selbstinduzierter Abtreibung gesehen habe ...

und dann gibt es noch 3 somalische Aerzte, die im Krankenhaus arbeiten:

Mein "Zwilling" ist Abdirahim. Er ist Mitte 40, eigentlich OP-Pfleger, arbeitet aber seit ungefähr 15 Jahren als Chirurg. und ich muss sagen, ich bin schwer beeindruckt: seine anatomischen Kenntnisse sind enorm, er ist ein hervorragender Operateur, er hat, weiss der Geier woher, ein ziemliches medizinisches Wissen, und er geht sehr respektvoll mit den Patienten um. Zwilling ist eigentlich der falsche Ausdruck, denn für mich ist er ein exzellenter Lehrmeister. Nicht nur, was spezielle tropische Probleme angeht oder Schussverletzungen (er hat jahrelang mit dem Internationalen Roten Kreuz in Mogadischu gearbeitet), ich lerne auch von ihm, wenn wir Hernien oder Hydrocelen operieren. Erstaunlicherweise hat er mich vom ersten Tag an akzeptiert, wir assistieren uns gegenseitig (und können sehr gut miteinander operieren), wir diskutieren jeden Patienten miteinander und er ist sehr offen, wenn es um die Entscheidung für das eine oder das andere Behandlungsschema geht. Ich hätte es wohl nicht besser treffen können - ihm allerdings würde ich jemanden mit Spezialkenntnissen in plastischer Chirurgie oder endokriner Chirurgie wünschen, wo ich ihm leider nur begrenzt weiterhelfen kann. Sein einziges Problem ist, dass er eben formal kein Arzt ist, und das lassen ihn die beiden anderen immer wieder deutlich spüren. Also versuche ich nach Kräften, seine Position zu stärken, entscheide nichts ohne Rücksprache mit ihm, und er ist klug genug, in solchen Momenten sehr bescheiden aufzutreten. Insgesamt versuchen wir einfach, als "das chirurgische Team" aufzutreten, und meistens nehmen wir noch Hassan dazu.

Die beiden anderen, das sind Dr. Halane und Dr. Bashir (der Pädiater, Marias Zwilling). Dr. Halane war schon der Krankenhausdirektor, als das Krankenhaus irgendwann zu Beginn der 80-er Jahre noch funktionniert hat. Seine medizinischen Kenntnisse sind ok, auch wenn er uns ab und zu Patienten mit "Beinzittern" in die chirurgische Sprechstunde schickt oder mit Verdacht auf perforierte Appendizitis, wenn sie Bauchweh haben eine Woche nach Geburt. Ich bin gespannt, ob ich es mal erleben werde, dass Dr. Halane einen Patienten selber anfasst ... . Mit mir ist er allerdings sehr freundlich, insgesamt der Typ Verwaltungs-Politiker, also trinke ich ab und zu Tee mit ihm (und Abdirahim, das "chirurgische Team" gibt's nur als Team) und versuche ansonsten, ihn seine Wege gehen zu lassen.

Dr. Bashir ist ein Spezialfall. Er sieht aus wie aus einem schlechten Comic mit seiner Sonnenbrille über den Augenbrauen und der Zigarette in der Hand, und riecht auch so wie aus einem schlechten Comic, wahrscheinlich werde ich irgendwann an seinem After Shafe kleben bleiben. Offenbar hat er in Russland Medizin studiert, ich möchte besser nicht wissen, was er dort wirklich gemacht hat und auch nicht, ob er überhaupt Russisch spricht. Seine Diagnosen sind irgendwo zwischen wirr und komisch, seine Medikamentendosierungen phantasievoll und seine Arbeitsmoral - na ja, es führen sicher viele Wege nach Rom. Eigentlich ist er für die Notaufnahme zuständig (einer der häufigsten Funksprüche neben "Pierre, das Licht geht nicht", ist "Dr. Bashir, Dr. Bashir for Emergency Room"), nebenbei macht er Privatsprechstunde, und das bedeutet in beiden Fällen, dass Patienten, die unhöflicherweise kompliziert sind oder gerade ungelegen kommen, als chirurgisch deklariert werden (oder pädiatrisch, wenn sie unter der Türklinke durchpassen). Na ja, er ist freundlich und ärgert mich nicht, also trinke ich auch ab und zu Tee mit ihm (selten, wegen des After Shaves und weil er nicht mit Abdirahim Tee trinken will genausowenig wie mit allem anderen niederen Volk).

Die Oberschwester heisst Ahmed und war schon Oberschwester (Oberpfleger?), als das Krankenhaus noch funktionierte. Er ist nebenbei Imam an einer der örtlichen Moscheen, hat 4 Frauen und 18 Kinder, eine Menge Humor (den braucht man wahrscheinlich auch mit 4 Frauen und 18 Kindern ...), und erstaunlicherweise kommen wir perfekt miteinander aus. Er findet zwar, ich sei zu weich mit den Schwestern, ist aber hochzufrieden damit, wie ich mich um die chirurgische Station kümmere, unterstützt uns in allem und ist als Autorität der Stadt und seiner Gemeinde eine echte Hilfe, wenn es zum Beispiel darum geht, eine Patienten wieder aufzutreiben, der bei der blossen Erwähnung einer möglichen Amputation auf dem gesunden Bein aus dem Krankenhaus geflüchtet ist oder wenn ein Patient, der wegen eines Verkehrsunfalls auf dem Weg von Addis Abeba nach Mogadischo (wir liegen an der Hauptverkehrsstasse) bei uns gelandet ist, tagelang im Hof campiert, weil er kein Geld hat für die Fahrkarte zur Weiterfahrt.

Alles in allem also eine Menge Leute, mit denen es sich gut arbeiten lässt - besser als in manchen Teams des vergangenen Jahres!

3 Kommentare:

CuWMaurus hat gesagt…

Hallo, lieber Spatz, sei sehr herzlich gegrüßt, wie gut , von Dir zu hören. Wir nehmen gleich diese neuesten Nachrichten von Dir mit und verabschieden Moritz auf den Weg zu seinem neuen Arbeits-und Wohnort.
Sei beschützt, bleib gesund und sei sehr herzlich und fest umarmt, Papa, Mami und Moritz

Anonym hat gesagt…

Meine liebe Christine,

Deine lebhaften Schilderungen zufolge, geht es Dir ja gut dort im "feindlichen Ausgang" und was die Papaya angeht... dann isst Du sie halt und bleibst uns schön gesund!
Die Arbeit klingt einigermassen machbar - soweit es aus Deiner Beschreibung hervorgeht und das Team spannend und abwechslungsreich!
Schön, dass Du zumindest einen qualifizierten Mitstreiter behälst, wenn der 2. Chirurg Mitte der Woche abreist - das erleichtert das Operieren doch wesentlich.
Hier fehlst Du - also mir. Ziemlich.
Der Unipoint ist ein wenig trostlos, aber naja. Die Jungs müssen sowieso noch lernen, wie der perfekte Döner aussieht und schmeckt....
Ganz liebe Grüsse und auf bald!
Deine Frauke

Yvonne hat gesagt…

Liebe Christine,
das hört sich wenigsten nach "richtiger Chirurgie" an und nicht wie heute wieder mal mehrfach gesehenen "ich habe Schmerzen dahinten und Du nicht wissen wie dolle", please, GOMER.
Das mit der Papaya hab ich auch schon gehört und funktioniert noch besser mit Gekko-Einlage.
Nach Deinen bildhaften Beschreibungen scheint es ja ein sehr amüsantes Team zu sein, sehr gut. Und noch besser von Dir zu hören, somit gehts Dir gut!
Sei ganz lieb gegrüsst
Yvonne