Sonntag, 1. Juli 2007

Effektivität

na, das musste ja so kommen!

da haben Abdirahim und ich also am Freitag beschlossen, den Freitag Frei-Tag sein zu lassen und uns ein bisschen zu schonen. Also haben wir zwei nicht ganz so dringende Verbandswechsel auf den Samstag verschoben und uns einen friedlichen Nachmittag gemacht.

Für Samstag hatten wir ausserdem eine Hysterektomie geplant ... ein bisschen an der Grenze zu den "erlaubten" Operationen in diesem Kontext hier, aber schliesslich fanden wir, wir müssten ab und zu ein bisschen üben für den Fall der Fälle, dass uns einmal eine Notfall-Hysterektomie hereingeschneit kommt, und ausserdem tat uns die Patientin leid. Die Hysterektomie war nicht ganz einfach, und der OP-Pfleger ganz und gar nicht vertraut mit den Instrumenten (sag ich doch, man muss ab und zu trainieren!). Tja, und plötzlich leichter Aufruhr vor dem OP, Hassan ist dann mal gucken gegangen und kam für seine sonst unstörbarenVerhältnisse ziemlich aufgeregt zurück - die Notaufnahme voller Patienten, eine Schiesserei zwischen zwei Clans und ein Haufen Verletzter. Super! wir haben also mit fliegenden Nadeln weiteroperiert ... und realisiert, dass es vielleicht keine ganz gute Idee war, unsere Hysterektomie-Trainigssession ausgerechnet auf die Woche zu legen, in der Maria (die Pädiaterin) und Annelise (die Kraknenschwester) ihre wohlverdienten Ferien am kenianischen Strand geniessen.

Bilanz: zwei Schwerverletzte, 11 Mittelschwerverletzte, und ich hatte noch die Visite auf der pädiatrischen Station vor mir. Und jetzt kommt Afrika zum Tragen: was alles sonst so nicht funktioniert, plötzlich waren alle hellwach. und zweitens: als ich am späten Nachmittag versucht habe, zumindest Hassan und Abdirahim zum verspäteten Mittagessen kurz heimzuschicken, während ich die Kurve über die Pädiatrie schlagen wollte - nein, keine Chance, "if you stay, then I stay". Sie haben mich also aus Solidarität begleitet auf meiner Runde zwischen Mangelernährung und Lungenentzündung, allerdings den Fahrer losgeschickt, um etwas zu essen zu holen und die Teefrau gerufen. Afrika zum Dritten: nachdem die am schwersten Verletzten versorgt waren, die Sonne untergegangen war und wir bereits einmal kurz unterbrochen hatten für das Abendgebet, da beschlossen meine Mitstreiter, dass es für heute genug sei und wir uns um die restlichen Patienten auch noch morgen kümmern können. Ich habe mehr als nur kurz gestutzt: da warteten noch Patienten mit blutigen Verbänden vor dem OP! aber irgendwie hatten sie Recht: man muss Prioritäten setzen, und das heisst auch, dass man selber bei der Stange bleiben kann. Und erneut keine Chance, sich aufzuteilen - "it's more fun to stay together". Ja, more fun sicher, effektiver sicher nicht! aber vielleicht können wir in Europa wirklich lernen von ihnen: es muss nicht immer 100% effektiv sein, dafür tut es der Seele besser, und Effektivität ist hier definitiv unwichtiger als ein gutes Gemeinschaftsgefühl.

Ich habe also nicht insistiert. und siehe da, unseren Patienten ging es prima heute morgen, und es war definitiv weniger schmerzhaft, die Schusswunden heute morgen, gut ausgeschlafen und gefrühstückt, zu versorgen, als es das gestern Nacht gewesen wäre.

2 Kommentare:

CuWMaurus hat gesagt…

Liebe Christine, wir hoffen sehr, die Situation entspannt sich und Du kannst mit Deinen Kollegen die Patienten so versorgen, dass Eure Situation nicht noch zusätzlich durch fehlendes Material belastet wird.
Und... sollen wir aus Deutschland über die Schweiz und Nairobi "Nahrungs-und Nervenstärkung" schicken oder wird das doch durch die wöchentliche Versorgung gewährleistet???
Moritz hat die Wohnungsjagd erfolgreich beendet und heute seinen Dienst begonnen, er lässt Dich mangels noch nicht installierter Kommunikation über uns sehr, sehr herzlich grüßen und wird die snail- und ship-mail benutzen, um Dich zu informieren.
Sei weiterhin sehr gut beschützt, fest umarmt mit Bussi vom Papa und Mami

Christine hat gesagt…

keine Sorge, wir haben genug Material! genug definiert sich hier allerdings tatsächlich auf ziemlich kreative Art und Weise ... heute morgen hingen dank der action von gestern abend und Nacht noch alle OP-Klamotten tropfend auf der Wäscheleine, und da es im Moment bewölkt und eher kühl ist, waren sie auch nicht so schnell zum Trocknen zu bewegen. fein, haben wir halt ein bisschen langsamer Visite gemacht (das Krankenhaus ist sowieso voll bis unter das Dach), noch einen Tee getrunken und uns erst gegen Mittag an die Arbeit gemacht. Und einer der Nahtfäden ist alle ... benutzen wir halt den nächstdickeren oder - dünneren, je nachdem.

zu essen gibt es genug in Belet Weyne, jedenfalls wenn man es bezahlen kann (und daskönnen wir ja). Wir werden weiterhin köstlich versorgt von unseren Köchinnen, und ich bin ja sowieso glücklich mit Reis und gebratenem Kamel - Marmelade zum Frühstück esse ich auch sonst nur unter Zwang, sie fehlt mir also nicht wirklich. und solange der Mangosaft nicht ausgeht ... aber der wird ja auch von unseren Köchinnen selber gepresst. Nairobi kann also von mir aus noch ein bisschen weiter herumtrödeln.