Samstag, 21. Juli 2007

Finger

heute morgen war ein echter Operationstag: das Anästhesieteam fit, die OP-Pfleger wach, die Stationen schnell damit, die richtigen Patienten zur richtigen Zeit zu bringen. Also haben wir uns gedacht, machen wir die Unterschenkelamputation doch noch vor dem Mittagessen, und ziehen uns danach dann in Ruh zurück.

Abdirahim, einmal mehr Gentleman, hat den Part mit der Säge und dem Knochen übernommen, wohlgemerkt eine Handsäge, und beim letzten Mal war ich nach der Hälfte tropfend nass ... . und dann passierte es, er ist abgerutscht und hat sich quer in den Finger gesägt. Mein Gott, habe ich mich erschreckt! im ersten Moment sah ich schon den Zeigefinger fliegen ... na ja, so schlimm war es dann doch nicht, aber weiteroperieren ging trotdem nicht für ihn. Ich war dann doch ganz zufrieden mit mir, dass ich es auch alleine konnte, und der OP-Pfleger reichlich stolz auf sich, dass er plötzlich in einem grossen Eingriff als Assistent dastand.

Teil zwei der Geschichte: die Wundversorgung des Fingers. Ganz Chirurg, zuerst mal grosser Widerstand. Unfug, den Verband mache ich nicht wieder ab, ich habe die Wunde schliesslich selbst gesehen, ist nur ein Kratzer, und überhaupt hast sowieso Du aufgeschrieen und nicht ich, als die Säge abgerutscht ist (stimmt.). Am Nachmittag dann die etwas kleinlautere Variante, ob ich doch mal gucken kann ... aber nur mit den Aeuglein schaun, natürlich. Das hat mich doch daran erinnert, wie ich versucht habe, meine Impfungen herunterzuhandeln, beim Anblick der ca. 1'000 Spritzen. und grosses Protestgeheul, als ich Nähset und Faden herbeigeschleppt habe. kurzes Aufflackern von Heldentum, "ich brauche keine örtliche Betäubung". Natürlich nicht, mein Lieber, aber jetzt hälst Du einfach trotzdem still! und geendet sind wir mit einem tapferen Helden, gehalten und gehätschelt von allen verfügbaren OP-Pflegern und Sakata (der allerdings etwas auf Somali gebrummt hat, das sich wie "stell Dich nicht so an" klang), und einer tapferen Chirurgin, die mal wieder verstanden hat, warum man Freunde und Familie einfach nicht anfassen sollte. Himmel, es ist halt doch ein komisches Gefühl, wenn man den Zeigefinger eines Chirurgenkollegen vor sich hat und nicht den Zeigefinger von Herrn XY. auch wenn es nur eine simple Schnittwunde ist.

1 Kommentar:

Susanne hat gesagt…

Liebe Christine

Jetzt bist Du schon über 6 Wochen da und ich habe Dir immer noch nicht geschrieben. Ich bin begeistert von Deinen Berichten und schwanke zwischen dem Gefühl "voller Neid" und "Hilfe, wie schafft sie das nur". Ich freue mich für Dich, dass es die richtige Entscheidung war nach Somalia zu gehen. Aus Deinen Berichten geht zumindest hervor, dass Du Dich wohl fühlst und Du der verlangten Arbeit auch gewachsen bist. Wie hälst Du es aber aus, nicht aus dem Haus zu können? Das fände ich das schlimmste.
Ich war die letzten 2 Wochen in der Todkana und werden nächsten Samstag in die hohen Berge nach Pontresina ziehen. Ich freue mich schon richtig auf frische Luft, traumhafte Bergkulissen und schöne Bauchoperationen.
Liebe grüsse, Susanne