Donnerstag, 19. Juli 2007

expats

Ihr fragt ab und zu, wie die anderen expats mit der ganzen Situation hier zurechtkommen. und es stimmt, es ist interessant zu beobachten (und zwangsläufig ist es ein Beobachten aus nächster Nähe), wie jeder einzelne mit Stress und Bewegungsbeschränkung und einer unwestlichen Art, die Dinge anzugehen, umgeht.

Mario, der field-co, sucht am meisten die Nähe der lokalen Bevölkerung, und sie respektieren ihn und mögen ihn. Manchmal hat er mehr Verständnis für sie als für uns ... aber auf jeden Fall hilft es ihm, wenn sie ihm ein bisschen schmeicheln und ihm "exklusive" Informationen geben z.B. darüber, wen der Distriktchef vor einer Stunde getroffen hat oder wo man gerade ethiopische Soldaten gesichtet hat. Ausserdem hat er sich eine geradezu kindlich-naive Sicht auf die Medizin bewahrt, und er kann unsere Arbeit hier tatsächlich als "wir retten Menschenleben" ansehen.

Maria kämpft. sie hat, ähnlich wie Annelise, ziemliche Schwierigkeiten damit, manche Dinge einfach als Tatsache zu akzeptieren, anstatt in Verzweiflung auszubrechen. Wenn eine Mutter mit einem untererhährten Kind einfach beschliesst, dass sie jetzt lange genug im Krankenhaus waren und nach Hause geht, und zwar ohne die empfohlene Zusatzernährung, dann verdirbt ihr das den Tag. und zusätzlich ist ihr lokaler "Zwilling", Dr. Bashir, nicht wirklich eine Hilfe, und die beiden kommen einfach nicht zusammen. Ihre Bewältigungsstrategie ist reden, reden, reden, und meistens enden wir in Gelächter, weil es doch irgendwie komisch ist, wie Dr. Bashir im Licht der Petroleumlampe verzweifelt nach seiner heruntergefallenen Sonnenbrille gesucht hat, während wir versucht haben, den Armeechef der Region zu reanmieren. Annelise versucht eher, sich abzulenken und schleppt den Laptop mit einem Film (skurilerweise haben wir neulich "good bye Lenin") geguckt) auf's Dach.

Pierre macht seinem Aerger ziemlich direkt Luft, schimpft mit den Arbeitern, wenn der eine den Dreck von links nach rechts fegt, und der andere von rechts nach links, schimpft mit dem Generatortyp, wenn der sein Mitagsschläfchen macht, während das OP-Team wütend im Dunkeln ins Funkgerät faucht, und schimpft mit mir, wenn ich ihm Computerprobleme aufhalse, anstatt selber herumzuprobieren; und das funktioniert ziemlich gut. Wenn's ganz hart kommt, dann regt er sich auf französisch auf, und das ruft eine Mischung aus "ups, jetzt wird's ernst" und neugierigem "sag mal, was hat er genau gesagt?" hervor. Und nach dem Gewitter ist er wieder entspannt und ausgeglichen.

Maki - schwierig zu sagen. sie hat eine enorme Sprachbarriere, von japanisch zu englisch und von englisch zu Somali, denn ihre Hebammen sprechen nicht alle wirklich unsere Sprachen. Ausserdem ist das Essen hier für sie am ungewohntesten. und sie hat immer noch nicht herausgefunden, wie sie e-mails nach Hause auf japanisch schreiben kann. Wahrscheinlich schützt es sie, dass sie einiges von den Sicherheitsbedenken und neuesten Gerüchten schlicht nicht mitbekommt.

Sakata und Fatuma fühlen sich schon rein sprachlich und kulturell eher zu Hause hier, und wenn es ihnen zu eng wird in dieser kleinen Welt zwischen Krankenhaus und Compound, dann öffnet der Fernseher das Fenster zur Welt und das Handy zu den Lieben zu Hause.

und Ogaro verzweifelt, glaube ich. ich bin mir nicht sicher, ob er sich wirklich klar gemacht hat, auf was er sich da einlässt und dass seine Arbeit hier mehr sein würde als Narkosen machen und nach Hause gehen. Und anstatt all die kleinen Alltagsschwierigkeiten beim Haarschopf zu packen und den Schwestern einmal mehr zu erklären, dass Blutdruckmessen auch in der Nacht schlau ist und nicht nur am Tag, zum Beispiel, lamentiert er über die schlechte Ausstattung und das geringe Niveau und die Qualität des Tees. er zieht sich stark zurück und sucht eher die Ruhe in seinem Zimmer.

für mich selber - ich habe sicher, neben Mario, die beste Unterstützung im Krankenhaus durch Abdirahim und einen Teil des OP-Teams, die sehr sehr herzlich mit mir umgehen und die ich sehr mag. und ich habe das Glück, dass mir das Essen schmeckt und dass ich ziemlich gut schlafe hier. und dass sich für mich der Anblick der Palmen jenseits der Mauer eher wie Ferien anfühlt als wie Eingesperrtsein. und dass mich das expat-Team mag und respektiert (abgesehen vielleicht von Ogaro ...). und dass ich, gerade in Momenten, die schwierig zu akzeptieren sind (Frau verweigert Kaiserschnitt, weil sie sich sonst als Versager fühlt und endet einige Tage später in der Leichenhalle; junger Mann mit doppelt gebrochenem Kiefer, der uns kurz nach der Operation, die an sich schon hanebüchend war ohne die entsprechenden Kenntnisse und das entsprechende Material, schlicht erstickt ist), Trost finde in der Religiosität der Leute hier, die das in einer Mischung aus Fatalismus und Gelassenheit als gottgegeben ansehen, Inshalla. Der Islam durchdringt die Gesellschaft tief, und das bedeutet, anders als oft bei uns suggeriert, nicht nur Unterdrückund und Terror, sondern auch Sicherheit und Geborgenheit. und damit habe ich auch überhaupt kein Probelm damit, 10 min. länger auf mein Mittagessen zu warten, weil der Fahrer und die Wachleute noch eben beten gehen - eine Tatsache, die Mario z.B. jedesmal aufregt.

und übrigens bin ich immer noch vollständig gesund! die Moskitos mögen mich nämlich nicht! und die fingergrosse Kakerlake hat sich flugs höflich durchs Fenster zurückgezogen, als ich duschen wollte. und die Gefahr von Sonnenbrand ist im OP auch eher klein.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Meine liebe Christine,

Eines muss ich doch jetzt mal sagen!!
Hut ab vor Deiner Contenance und Deinem unerschütterlichen Optimismus und Arbeitseifer!!
Ich hoffe, Du weisst, dass wir hier im Dauerregen sitzen (jedenfalls immer, wenn wir hier aus dem Krankenhaus kriechen!)während Du in der "Klinik unter Palmen" Dein Leben geniesst...
Nein, Scherz beiseite! Es ist immer wieder schön zu lesen, wie Du Dich intgriert hast und was für Herausvorderungen Du jeden Tag meisterst!
Hier in Zürich ist es, naja, ein bisschen verregnet eben...
Die Klinik ist rappelvoll und ich weiss gar nicht mehr wohin mit all diesen Transplantierten.
Im Moment ist das Sozialleben gleich Null - ich habe leider 1000 kleine Dinge, wie den Geburtstag meines Patensohnes in Augsburg total verschwitzt... Dafür habe ich mich am Mittwoch mit Claudi und Benjamin getroffen - ist vielleicht ein grosses (und herziges) Kerlchen geworden - Du wirst Augen machen!
Am Wochenende habe ich Dienst und am Sonntag kommen Tappes aus Hannover und wollen sich den kleinen grünen Frosch ausleihen.. Mal schauen, ob die Wetterfee ihnen hold ist...
Ich umarme Dich in Gedanken und freue mich schon auf Deine nächste Nachricht!
Deine Frauke