Dienstag, 3. Juli 2007

Blutbank

wir haben hier im Krankenhaus ja ein kleines Labor, in guten Händen bei Fatuma, aber natürlich keine Blutbank, also kein Blut vorrätig.

Es gibt hier in Belet Weyne allerdings ein ebenso verwunderliches wie erstaunlich effektives System, die "walking blood bank". wenn wir einen Patienten haben, der dringend Blut braucht, wie z.B. gestern nacht bei einer Patientin, die extrem viel Blut verloren hat kurz vor der Geburt, dann setzt sich ein undurchschaubares Kommunikationssystem in Gang. Die Laborleute, unterstützt von Dr. Halane, rufen bestimmte Leute in der Stadt an, die sich vorher bereit erklärt hatten, Blut zu spenden. Die kommen dann ins Krankenhaus, eine Blutprobe von ihnen wird verwendet, um die Blutgruppe zu testen und einige Infektionskrankheiten, und wenn's passt, dann spenden sie einen halben Liter Blut. Da die Kühlung von Vollblut nicht sehr lange möglich ist, geht das nicht auf Vorrat, die Leute kommen also, wenn's nötig ist; im Fall von gestern nacht war das gespenstisch: um Mitternacht, nur im Licht des fast-noch-Vollmondes, da es um diese Zeit keine Elektrizität mehr gibt, kamen an die 10 Personen ins Krankenhaus getigert. Und bis wir zwei passende Blutkonserven (na ja, eher nicht Konserven, sondern eben frisch) beieinander hatten, haben wir versucht, die Patientin im Schein von zwei Petroleumlampen am Leben zu halten. Petroleumlampen, da der kleine Nachtgenerator gerade ausreicht, um Licht im Labor zu machen und im OP, wo die OP-Pfleger alles parat gemacht haben für den Kaiserschnitt ...

gegen drei Uhr morgens konnten wir dann loslegen, und da Vollblut ja im Gegensatz zu unseren Erythrozytenkonzentraten zu Hause Gerinnungsfaktoren enthält, ist uns die Patientin gerade so nicht unter den Händen verblutet. Ich sage Euch, der kitschige Ausdruck vom "Saft des Lebens" bekommt unter diesen Umständen eine ganz andere Bedeutung!

und einmal mehr: im Licht der jährlich immer wiederkehrenden Aufrufe zum Blutspenden in der Sommerzeit bei uns, die meistens ziemlich ungehört verhallen, ist es ziemlich erstaunlich, wie gross und selbstverständich die Bereitschaft hier ist, Hut ab! Es ist nicht ganz ungefährlich, mitten in der Nacht durch Belet Weyne zu spazieren, um ins Krankenhaus zu kommen, um dort Blut zu spenden ...

3 Kommentare:

CuWMaurus hat gesagt…

Lieber Spatz, Du bist sicherlich sehr sorgfältig mit Deiner eigenen Gesundheit, Du weißt, hier in Europa hat Dein Stichwort "Blutbank" und Afrika einen besonders alarmierenden Klang. Es gibt inzwischen wieder einmal eine Dirkusion in der veröffentlichen Meinung über Sinn und Nutzen der vielfältigen Helferorganisation NGO an den orten, wohin gerade das Medienlicht besonders intensiv hinleuchtet und dabei die dunklen und dennoch stetig existenten Nöte ausgeblendet sind. Natürlich wird diese Diskussion auch im Hinblick auf eine Neuerscheinung auf dem Büchermarkt geführt. Jedenfalls wird durch Deine Schilderung auch einmal der Alltag der lokalen Helfer deutlich, die auch ohne viel Aufhebens sich Tag für Tag umeinander kümmern. Dies ist doch spektakulärer, weil Alltag,real, soldidarisch, jenseits allen Heroentums. Und das erlebst Du ja nun hautnah. Mir gefällt sehr, sehr gut, wie Du darüber berichtest und dafür danke ich Dir herzlich.
Sei für heute ganz fest umarmt, besonders gut beschützt, mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen für eine ruhige Nacht, Papa und Mami

Anonym hat gesagt…

Liebe Christine,ich freue mich riesig über die technische Möglichkeit, Deinen Blog (als ich so alt war wie du, gab es das mir vertrautere Wort Tagebuch) zu lesen, den ich mit großer Aufmerksamkeit und Spannung verfolge gepaart mit Erleichterung, dass es Dir-so weit dies möglich ist- gut geht. Ich denke viel an Dich und bewundere Deinen Mut und vor allem die Gelassenheit und Freude, mit der Du an die Arbeit gehst. Sei herzlich umarmt von Hilke und Karl-Heinz

wiebke hat gesagt…

Liebe Christine,
ich freue mich, so regelmäßig Deine Nachrichten lesen zu können und zu wissen, daß es Dir gut geht und Du eine tolle Arbeit leistest und so interessante Menschen kennenlernst. Ich wünsche Dir, daß Du noch viele erfolgreiche Ops haben wirst (und noch viele gesunde Kinder auf die Welt holst), daß sich Dein Elan und Dein Einsatz lohnen und daß Du heile und gesund in die Schweiz zurück kommst. Ich habe oft eine Gänsehaut, wenn ich von Deinen Erlebnissen lese, während ich im sicheren Deutschland vorm Computer sitze und sich meine "Probleme" doch sehr relativieren.
Viele Grüße Deine Wiebke