Freitag, 6. Juli 2007

Einverständniserklärung

das kennen wir ja von zu Hause: bevor ein Patient operiert wird, wird er über die Operation aufgeklärt und muss er eine Einverständniserklärung unterschreiben.

hier ist das im Prinzip nicht anders, und doch ganz anders. der Patient wird auch über die Operation aufgeklärt, allerdings ganz und gar nicht im westlichen Verständnis über Techniken, Alternativen und Risiken - so ein Unsinn auch, schliesslich kommt der Patient, um sich operieren zu lassen (sonst wäre es ja ziemlich sinnlos, einen Chirurgen aufzusuchen, oder?), und bitteschön, das Chirurgenteam soll's so machen, wie es sich gehört und den Patienten nicht mit irgendwelchen Vorträgen über Sinn, Unsinn oder Alternativen belästigen. Und was die Risiken angeht: entweder reagieren sie völlig über und rennen weg, wenn man die Möglichkeit von z.B. einem Wundinfekt erwähnt, oder sie zucken völlig gelangweilt mit der Schulter - was ist denn ein Wundinfekt gegen die Gefahr, in der nächten Clanfehde eine Kugel in den Bauch zu bekommen ...

essentiell hingegen ist die Unterschrift unter der Einverständniserklärung, und zwar nicht die Unterschrift des Patienten, sondern die eines (männlichen) Verwandten. Die Idee dahinter: wenn der Patient unter der Operation stirbt, dann ist ja niemand mehr da, der bezeugen kann, dass der Patient mit der Operation einverstanden war ... der Unterschreiber haftet also mit seiner Unterschrift dafür, dass der Patient auch wirklich einverstanden war, und muss das im Zweifelsfall vor seinem Clan verteidigen. Gottlob kreuzen fast alle Patienten mit einer Horde Angehörigen im Krankenhaus auf, sodass meistens schnell jemand zur Hand ist; komplizierter ist das Vorlesen dieser Einverständniserklärung und führt zu absolut nicht dem Ernst der Situation angemessenen Kichern, wenn ich das übernehme ... und die Leute hier können ziemlich ausgelassen kichern!

noch komplizierter wird es bei der Einverständniserklärung für einen Kaiserschnitt. Für die Frau bleibt ihr Vater der erste Zuständige (nicht der Ehemann, wie das bei uns ja lange der Fall war), für das Kind ist jedoch der Vater des Kindes (also der Ehemann) zuständig. Die Ehemänner sind jedoch, anders als die Väter, oft nicht da, weil in Mogadisho beim Geschäftemachen, als Soldaten unterwegs oder schlicht zu Hause geblieben. Dann glühen wieder die Handys, die Väter beratschlagen sich mit Onkeln, Brüdern, Cousins, und das Chirurgenteam geht einen Tee trinken, bis sich die Lage geklärt hat.

2 Kommentare:

Unknown hat gesagt…

Liebe christine, entschuldige dass ich mich so lang nicht gemeldet habe. Wie das so ist im Mutterschutz, man wird vergesslich und als erstes hatte ich mal das google passwort verbaselt. Ausserdem muss ich gestehen, dass mir die Geschichten von den toten Babies etwas zugesetzt haben. Umso mehr freue ich mich, dass es nun ein echtes Christine Baby gibt mit einem wirklich schönen Vornamen :-). Uebrigens finde ich die Denkweise über die Einverständniserklärung durchaus nachvollziehbar. Nur kommt bei uns keiner darauf genauso zu argumentieren. Da sind sie wieder die kulturellen Unterschiede. Ein Somalier in Zürich würde vermutlich für verrückt erklärt werden und man betrachtete es als individuelle Eigenschaft. Bestimmt sind das GOMERS bei uns?! Hier ist es nun so, dass ein Sommer ohne Dich und Deinen Balkon irgendwie auch kein richtiger Sommer ist. Frauke und ich haben es noch nicht geschafft einfach mal so auf Deinen Balkon zu sitzen, aber ich denke das wird noch. Benjamin gehts prima, er wird immer schwerer und klüger und wir üben nun, dass er `hallo tante christine` sagt wenn Du wieder da bist. Vermutlich wird er Dir mit seinem Gewicht dann auch die Blutzufuhr der Oberschenkel abdrücken. Ich hoffe dass die Zeit in der Du weg bist für mich ganz bald rum ist und Du noch ganz viel Zeit für Dich hast tolle Operationen durchzuführen, Tee an Kacheln gelehnt zu trinken und sonst noch schöne Dinge zu tun. Wie gehts eigentlich dem Gewehr vom Chef der dortigen Miliz :-D ?

Christine hat gesagt…

tja, das mit dem Vornamen hat sich wieder erledigt ...

die Eltern des Babies (und Cousinen, Cousins, Geschwister, Onkel, Tanten usw.) wollten unbedingt Christine. und, wunderbares Land, plötzlich war der Kompromiss da: wenn Christine ein genuin christlicher Name ist und direkten Bezug zu unserer Religion hat, dann heisst die islamische Uebersetzung für Christine - na? Muslima. Das Mädel wird also jetzt für den Rest ihres Lebens als Muslima durch die Gegend laufen (was sie ja auch ist).

ich bin ganz gespannt auf Benjamin in gross und Hannah in noch grösser, und auf Philipp in echt ... ich habe meinen Kollegen hier Photos gezeigt, denn natürlich haben sie, Hassan in Kenia eingeschlossen, noch nie ein weisses Baby gesehen.

dem Gewehr des Milizchefs (na ja, es gibt mehr als einen Milizchef) geht es übrigens prima, soweit ich weiss, denn unsere Wachleute am Tor vom Krankenhaus achten penibel darauf, dass kein Gewehr weiter als 1 m durch's Tor kommt und dass wir keinen Schritt vor das Tor setzen. Ist allerdings jedesmal ein komischer Anblick, der Stapel von Waffen am Krankenhauseingang ...