Sonntag, 15. Juli 2007

kein optimaler Tag

das fing schon schlecht an: eigentlich sollte heute ein wunderschöner Tag werden. Erst wollten wir eine Hysterektomie machen, für die wir uns den Vormittag freigehalten haben, und auf die wir uns schon seit Tagen freuen. Währenddessen wurden im Hause Abdirahim zwei Ziegen geschlachtet, um die 7 Tage nach Geburt seines Kindes zu feiern, und den Nachmittag wollten wir uns beide freinehmen. Leider durfte ich aus Sicherheitsgründen sowieso nicht hin, aber es ist ja auch ein Junge geworden (Abdirahims Kommentar: "leider ein Junge" - "hä? wieso leider" habe ich da irgendwas über die somalisch-islamische Kultur grundlegend missverstanden? - "wäre es ein Mädchen, hätte ich sie Christine genannt, und zwar diesmal wirklich und nicht diese Schummelei mit Muslima").

aber auch das scheint ein kontinentübergreifendes Schicksal von Chirurgen zu sein; wenn ein Familienfest ins Haus steht, kommt ein Notfall (liebe Grüsse an Fraukes Papa!). So wurden wir ziemlich früh und ziemlich unsanft, vor dem Weckruf des Muezzins, ins Krankenhaus transportiert für einen Notfall-Kaiserschnitt. Dumm nur, dass kein männlicher Angehöriger aufzutreiben war, der die Einverständniserklärung hätte unterschreiben können. Also hat Ahmet, unsere Oberschwester und Imam, versucht, stattdessen einen Clanchef aufzutreiben, der dann auch tatsächlich irgendwann aufgetaucht ist, aber leider war es der falsche Clan, und der Clanchef ist brummelig wieder von dannen gezogen. Also wollten wir eine andere Patientin vorziehen, aber die Anästhesie hat plötzlich kompliziert getan. Na gut, dann eben eine dritte Patientin, und dann haben die OP-Pfleger gepennt und die falsche Patientin in den OP geschleppt (die Dame war bereits operiert, ihr Schnarchnasen!).

Die Patientin für den Kaiserschnitt war derweil mit den Nerven am Ende und hat ihre Englisch-Brocken zusammengesammelt, um micht zu bitten, ihr zu helfen, sie sei zwar eine Frau, aber doch auch ein Mensch, und ich sei doch auch eine Frau ... ich war zum ersten Mal, seit ich hier angekommen bin, den Tränen nahe. Abdirahim wollte das nicht mit ansehen und wollte die Patientin dann eben ohne Einverständniserklärung operieren. Das wiederum wollte ich nicht verantworten, und es hat zwei Tee mit viel Zucker gebraucht, bis wir uns wieder beruhigt hatten.

Schliesslich haben die Autoritäten den Weg über die Religion gefunden, der Islam stellt nämlich Wittwen (was die Patientin nicht ist, eher schwanger und unverheiratet, ein mittlerer Skandal an sich in diesem Land) und Waisen (was die Patientin offenbar ist, ich habe da nicht weiter insistiert) unter besonderen Schutz, und gegen Mittag konnten wir endlich starten. Zwischendurch haben wir x Patienten in der Notaufnahme gesehen, und die Hebamme hat uns zu einer blutenden Schwangeren gerufen, die allerdings nicht schwanger war, sondern nach dem Verlust einer Schwangerschaft wieder ihre Menstruation bekommen hat.

Im OP stellte sich dann heraus, dass die Laborwerte vertauscht waren, und Inshallah, gottlob war zufällig gerade noch Blut vorrätig von einer anderen Patientin mit passender Blutgruppe. Zu schweigen von einer Anästhesietruppe, die an allem ewig herumgenestelt und gezuppelt hat, anstatt einfach Narkose zu machen! und dann ging der Strom aus, weil der Generatortyp Mittagspause machen wollte. und dann fing Ogaro an, an der Indikation für den Kaiserschnitt herumzumäkeln. und dann kam auch noch die Katze, die normalerweise in der chirurgischen Männerstation herumschleicht, in den OP, um sich das Chaos mal neugierig anzugucken. ui, diese Katze hat mit ihrem Leben gespielt! der Anästhesist übrigens auch! und, weniger lustig, die Patientin in der Zwischenzeit auch. Hassan, Du fehlst uns hier!

aber Ende gut, alles gut, Mutter und Baby geht es gut, und Abdirahim hat vorhin ein Stück Ziege herüberschicken lassen. und das werde ich jetzt, unter dem Sternenhimmel und im warmen Abendwind, in Ruhe geniessen!

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Liebe Christine, irgendetwas haben wir versäumt,.... da isst das eine Kind Ziegenfleich und das andere Kind nagt an irgendwelchen Meerestieren etc. herum und beide schauen in den Sternenhimmel, den auch wir unter anderen Voraussetzungen bestaunen.Danke für Deine lange e-mail, und dann wünschen wir Dir ganz starke Nerven und große Gelassenheit, da Du allein nichts ändern kannst. Sei zufrieden damit, auch wenn es soooo schwer fällt, dass Deine Fähigkeiten und Begabung, Dein Wissen und Dein Können im Zusammnenhang mit den Fähigkeiten, dem Wissen und dem Können Deiner Kollegen hilft.
Wir nehmen Dich fest in die Arme, paß weiterhin gut auf und sei beschützt,
MaPa

Dani hat gesagt…

Ciao Bella-
Ich bewundere Dich für Deine starken Nerven, denn wenn ich höre- Notfallkaiserschnitt dann denke ich spontan an EE Zeiten von 4-5 Minuten oder so. Ich hätte jeden Clan Chef zurück zur Ziege und jeden Mini Chef in die Wüste geschickt- vor Wut- Sind denn XXX von XX Chromosom auf OP Einwilligung nichts wert?. Ein Wunder dass Baby noch oK ist, oder darf ich auch in das Horn der Frage nach der Indikation stossen...
Liebe Grüsse jedenfalls von Sternenhimmel in ZH, -hatten heute viel Sonne und 28 Grad-und ich geniesse mit obligatorischem Glas Wein gerade die Abendstimmung.
Herzliche Grüsse und halt die Ohren steif,
Dani

Christine hat gesagt…

starke Nerven ... also, die brauchen wir zu Hause ja auch ab und zu, nicht? und es macht mich weniger wütend, in dem staubigen Chaos hier festzustellen, dass manches wirklich komisch ist, als mir zu überlegen, wie viel von unseren Fähigkeiten und technischen Möglichkeiten wir zu Hause eigentlich nicht gut nutzen. Der "Faktor Mensch" bleibt überall bestehen - und Menschen haben ihre starken und schwachen Seiten, überall.

und damit rege ich mich ab und zu eher über mich auf, die mal bessr zugehört hätte in ihrer z.B. Dermatologievorlesung, anstatt zu schwatzen und aus dem Fenster zu schauen und jetzt wie ein dreidimensionales überdimensioniertes Fragezeichen vor eitrigen Pusteln zu sitzen.

und übrigens bin ich froh, dass ich den Part "an Ziege nagen" abbekommen habe, mit dem Meeresgetiert wäre ich entschieden unglücklicher!

Anonym hat gesagt…

Meine liebe Christine,

nun ist ja schon fast Halbzeit und ich freue mich jeden Tag ein bischen mehr auf Deine Rückkehr...
So wie Du klingst, scheinst Du dem Chaos schon routiniert die Hörner entgegen zu strecken!

Ich komme gerade aus einer verlängerten Kompensation mit Kurzabstecher nach Aachen, Dortmund und Bonn.
Mit meinen Eltern habe ich am Sonntag und Montag Abend lange über private und berufliche Perspektiven diskutiert - das hat zwischen all den Hochzeiten und Kinder kriegen mal wieder richtig gut getan!
Morgen (Mittwoch) habe ich noch frei - vielleicht schaffen Claudia und ich es ja doch noch mal auf Deinen Balkon!!
Sei ganz lieb gegrüsst und umarmt,

Deine Frauke